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Meine Probleme mit Pseudo-Liebesromanen*

Meine Probleme mit Pseudo-Liebesromanen*

In den sozialen Netwerken und auf vielen Bücherblogs entbrannte (mal wieder) die Diskussion um die Problematik von gewissen Darstellungen pseudo-romantischer Liebe, v.a. in den Genres New Adult, Young Adult und Jugendbuch. Im Grunde wird der Markt seit dem gigantischen Erfolg von Twilight mit Büchern überschwemmt, in denen das einzige Ziel der Protagonistin zu sein scheint, den Typen, in den sie – warum auch immer!? – verknallt ist, an sich zu binden. Und dazu scheint jedes Mittel recht zu sein.

Gut, das klingt jetzt, als wäre unsere Protagonistin der aktive Part in dieser Geschichte … Verzeihung, das lag nicht in meiner Absicht. Dieser neue Literaturtrend scheint dahin zu gehen, dass sich die Hauptfigur ihrem Love Interest unterordnet, seine Bedürfnisse über die eigenen stellt und sich überhaupt alles nur noch um ihn dreht. Falls sie sich damit nicht einverstanden erklären sollte, setzt er sich einfach über ihren Willen hinweg und nimmt sich notfalls mit Gewalt, wonach ihm gerade der Sinn steht. (Die Wahl der Personalpronomen ist hier übrigens kein Zufall.)

Klingt nach Nischenliteratur für Leute mit Unterwerfungsfantasien? Leider nicht. Bücher dieser Art schaffen es regelmäßig in die Bestsellerlisten. Man denke nur an das schon erwähnte „Twilight“, an „50 Shades of Grey“, an „Trinity“ oder an die neueste Erscheinung „Paper Princess“. Von einer riesigen Fancommunity gehyped, erfreuen sich diese Art von Literatur immer größerer Beliebtheit – und ich frage mich, warum.

Ich will niemanden für seinen Literaturgeschmack kritisierien – wem’s gefällt, bitteschön. Aber auch Kritik sollte – und muss! – bei diesem Thema erlaubt sein. Es geht nämlich nicht nur um Unterhaltung, auch nicht ausschließlich um ein vollkommen antiquiertes Frauenbild, das hier bedient wird. Mir geht es v.a. um die ungesunde Art von Beziehung und Liebe, die von den Autorinnen, Verlagen und begeisterten Leserinnen anscheinend als selbstverständlich hingenommen wird.

Verharmlosung von häuslicher Gewalt: Sie ist okay, wenn sie vom Richtigen ausgeht.

„Bestimmt hinterlässt er dort einen blauen Fleck. Ich  hoffe es fast. So etwas denke ich zum ersten Mal. An mir hat ein Mann schon zu viele blauen Flecken hinterlassen.“ (aus: „Trinity – Verzehrende Leidenschaft“ von Audrey Carlan, S. 57).

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Protagonistin hat schon eine Beziehung hinter sich, in der sie Gewalt erfahren musste, fand das alles ganz schrecklich und arbeitet mittlerweile in der Hilforganisation, an die sie sich damals auch gewandt hat. Und nun? Der nächste Mann, die nächste Gewaltausübung, aber bei dem ist es okay (sie sehnt sie sogar herbei), weil er ja so attraktiv ist? Nice. Hätte interessant werden können, wenn die Autorin dieses Verhalten psychologisch aufgearbeitet hätte. Hat sie aber nicht.

Verharmlosung von sexuellem Missbrauch: Stell dich nicht so an!

»Bei sexueller Belästigung geht es ja nicht zwangsläufig um Sex. Es geht um Macht. das würde ich den beiden gerne sagen, merke aber, dass meine Sorge unnötig war. Sie müssen mir nicht wehtun, weil sie ohnehin schon Macht über mich haben. Das hier sollte mich einfach einschüchtern.« (aus: „Paper Princes“ von Erin Watt, S. 97).

Solche Passagen finden sich auch in dem ein oder anderen Thriller – mit einem gravierenden Unterschied: Meistens hat ein Opfer sexueller Belästigung solche Gedanken dem oder den Täter(n) gegenüber. Hier jedoch werden die Täter nicht als solche dargestellt, denn schließlich ist einer von ihnen der Love Interest unserer Protagonistin. Auch wenn er (und sein Bruder) die Protagonistin mit expliziten Worte und Gesten bedrängen (natürlich nur aus Spaß!), auch wenn sie selbst sagt: »Ich kann kaum atmen. Ich habe tatsächlich Angst …« (aus: s. o.), wird dieses Verhalten nicht moralisch eingeordnet, sondern ist ein paar Seiten später schon wieder vergessen, schließlich verliebt sie sich ja in ihn. Alles kein Problem, nicht wahr?Auch sehr beliebt: Sie hat gerade keine Lust auf Sex? Sowas gibt’s? Ach was, eine einzige Berührung ihres „Traumprinzen“ und das Hirn unserer Protagonistin verwandelt sich in Brei, die Beine in Wackelpudding und schon kann’s losgehen. In „Trinity – Verzehrende Leidenschaft“ wird die Protagonistin auf der Straße überfallen und bedrängt und von ihrem Love Interest gerettet, der sogleich im Auto seine „Belohnung“ einfordert …Die Darstellung von Frauen als jederzeit willige Lustobjekte (und wenn sie „Nein“ sagen, meinen sie doch eigentlich „Ja“ …) ist äußerst grenzwertig. Wie wäre es denn mit Protagonistinnen, bei denen nicht sofort alles aussetzt, nur weil ihr Love Interest gerade sein T-Shirt auszieht? Umso bemerkenswerter, dass die meisten Autoren und Leser dieser Genres weiblich sind.

Verharmlosung von Stalking und Besitzansprüchen: Soooo romantisch!

Schon bei „Twilight“ drang Vampir Edward uneingeladen in Bellas Schlafzimmer ein, um sie beim Schlafen zu beobachten. Dieses Motiv zieht sich durch alle genannten Bücher. Der männliche Love Interest überwacht, verfolgt, kontrolliert, liest private Nachrichten und setzt sich über sämtliche Grenzen hinweg, weil er die Protagonistin ja soooo sehr liebt. Wenn das nicht romantisch ist, weiß ich auch nicht.Dass wahre Liebe Freiheiten braucht, jeder Partner das Recht auf Freiräume, eine eigene Persönlichkeitsentwicklung und auch auf kleine Geheimnisse hat, suchen wir hier vergeblich. Es passt nicht ins Konzept dieser Pseudo-Liebesromane, in denen einer der Partner sich bedingungslos unterordnet, ja, tlw. sogar in den Besitz des anderen übergeht:

  • »Du gehörst mir, Anastasia. […] Und ich beschütze das, was mir gehört.« (aus: „50 Shades of Grey – Gefährliche Liebe“ von E.L. James).
  • »Du gehörst mir, verstanden!« (aus: „Trinity – Verzehrende Leidenschaft“ von Audrey Carlan, S. 358).

Völlig absurdes Männer- und Frauenbild: Von Mäuschen und Machos

Es ist nicht nur die schon genannte Darstellung der Frauen in diesen Büchern, die ich als problematisch einstufe, sondern auch die der Männer. Sie werden als – Verzeihung – schwanzgesteuerte – Sexgötter dargestellt, (natürlich alle Millionär/Milliardär, zumindest aber wohlhabend), die sich alles herausnehmen und erlauben können, ihre Machoqualitäten auf jeder Seite herausstellen und generell ein ausgemachtes Arschlochverhalten an den Tag legen. Ich kann den Reiz, den ein „Bad Boy“ ausüben mag, durchaus nachvollziehen. Bad Boy bedeutet aber nicht Arschloch. Jemand der sich über gewisse Regeln hinwegsetzt, vielleicht das ein oder andere Gesetz übertritt,  und auch sonst eher eine raue Schale hat, kann seine Freundin doch trotzdem gut (normal!) behandeln? Das in diesen Romanen dargestellte Männerbild zeigt letzten Endes keine tollen Typen, sondern schlichtweg Angsthasen und Feiglinge, die ihre Freundin zu ihrem Eigentum deklarieren und auf Schritt und Tritt überwachen müssen. Kein selbstbewusster Mann hat ein solches Verhalten nötig. (Eine treffende Analyse von Christian Greys Charakter aus „50 Shades of Grey“ findet sich hier.)

Ich möchte von lebensechten Figuren mit Ecken und Kanten, mit Leidenschaften, Fehlern, Problemen und Interessen lesen – und nicht von Stereotypen. Weder von Machos noch von irgendwelchen duckmäuserischen Mädels, die alles mit sich machen lassen, weil sie ja ach-so-verliebt sind und ihr Traumprinz so wahnsinnig süß und sexy ist.

Als Kulturschaffende haben wir Autoren und Verlage auch eine Verantwortung. Natürlich gibt es die künstlerische Freiheit und ich mag niemandem vorschreiben, was er zu schreiben, zu verlegen oder zu lesen hat. Die genannten Bücher haben eine große Fangemeinde, die zahlreichen positiven Rezensionen zu all diesen Werken sprechen für sich.

Ich will diese Bücher weder verdammen noch gar auf den Index setzen o.ä. Ich wünsche mir lediglich, dass wir uns als Autoren, als Lektoren und als Leser Gedanken machen und sie nicht einfach als „seichte Unterhaltung“ abtun. Das sind sie nämlich nicht. Außerdem wünsche ich mir einen sensibleren Umgang mit diesen Themen. Natürlich soll, darf und muss über Missbrauch in Beziehungen geschrieben werden. Aber doch bitte nicht unter dem Deckmäntelchen der großen romantischen Liebe.

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*Achtung: Dieser Artikel kann Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten.

Beitragsbild:
freestocks.org

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Verfasst von - April 26, 2017 in Bücher

 

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