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Schlagwort-Archive: Meinungsfreiheit

Meine Filterblase & ich

Meine Filterblase & ich

Ich liebe meine Filterblase. Ja, ich habe eine – und das ganz bewusst. Sie befindet sich sowohl auf Twitter als auch auf Instagram. Auf Facebook tendenziell eher weniger – was wohl auch mit ein Grund ist, warum ich es das Netzwerk ist, auf dem ich mich am wenigsten rumtreibe.

Ich weiß, dass es viele gute Gründe gegen eine Filterblase gibt und auch, dass häufig abfällig gesagt wird „Du in deiner Filterblase hast doch eh keine Ahnung“. Ja, das mag sein. Ich habe nicht von jedem Thema Ahnung und auch nicht zu jedem eine Meinung. Aber wenn ich online bin, dann möchte ich selbst entscheiden, welchen Themen und Personen ich meine Aufmerksamkeit schenke. Das mag man nun Selektion nennen oder „die Augen verschließen“. Aber genauso wie ich die Menschen in meinem realen Umfeld auswähle, mit denen ich meine Zeit verbringe, mache ich das auch in den sozialen Netzwerken. Ich schmeiße niemanden aus meinen Listen, der meine Meinung nicht teilt – im Gegenteil, ist doch langweilig, wenn alle gleich denken -, aber Leute, die ausfallend werden, trollen und pöbeln haben dort nichts zu suchen. Es ist meine Online-Welt, die ich mir schaffe – und wer sich nicht benehmen kann, fliegt raus. Ganz einfach.

Der Ton in den sozialen Medien hat meinem Empfinden nach in den letzten Jahren an Schärfe zugenommen. Kaum ein Artikel, unter dem sich nicht verbal geprügelt wird – auch wenn es um völlige Nichtigkeiten geht. Und jedes Mal, wenn ich solche Diskussionen lese – ja, ich gebe zu, den Fehler mache ich das ein oder andere Mal noch – fühle ich mich hinterher schlecht. Weil ich es nicht glauben kann, dass Menschen so sehr von Hass zerfressen sind, dass sie ihre häufig misanthrope Weltanschauung in die Öffentlichkeit hinausposaunen müssen. Bei nichtigen Themen schüttele ich meistens nur genervt den Kopf, bei anderen, wo es wirklich um etwas geht – Flüchtlingsthematik/Rechtsextremismus/Feminismus/LGBT/Tier- und Umweltschutz/usw. – werde ich wütend.

Meistens juckt es mich dann in den Fingern, einen (oder gleich mehrere) Kommentar(e) zu schreiben, manchmal formuliere ich und tippe und tippe – nur um dann doch wieder alles zu löschen. Nicht weil ich mich nicht angreifbar machen oder für „meine“ Themen einstehen will, sondern weil es so sinnlos ist. Wie ein Kampf gegen Windmühlen. In den Kommentarspalten der Online-Magazine oder den sozialen Netzwerken wird man niemanden überzeugen können, eine freundlichere Sicht auf die Dinge anzunehmen.

Überhaupt – andere von meiner persönlichen Meinung zu überzeugen, liegt mir fern. Ich diskutiere gerne, möchte dieses aber auf Augenhöhe tun und mich nicht anpöbeln lassen – nur weil ich eine andere Meinung habe/eine Frau bin/kein Verständnis für „besorgte Bürger“ aufbringe/usw.

Wenn mir die triste Online-Welt, in der wenige so laut sind und viele andere so still, zu sehr aufs Gemüt schlägt, ziehe ich mich in meine Filterblase zurück. Meine Filterblase, das sind all die wunderbaren Büchermenschen, die ich in den letzten Jahren auf Twitter und Instagram kennenlernen durfte. Uns alle verbindet die LIEBE zu Büchern, nicht der Hass auf irgendjemanden oder irgendetwas. Es macht unwahrscheinlich viel aus, wenn sich eine Gruppe aus heterogenen Individuen zusammenschließt, weil sie eine gemeinsame, positiv-ausgerichtete Leidenschaft haben, die sie miteinander verbindet.

Egal zu welchem Thema: Nahezu alle posten reflektiert und sachlich, man kann wunderbar diskutieren und muss nicht befürchten, beleidigt zu werden, wenn man nicht einer Meinung ist. So ein Austausch ist tatsächlich möglich! In meiner Liste herrscht ein weltoffener und menschenfreundlicher Tenor. Hier wird sich ausnahmslos über die „Ehe für alle“ gefreut, ein weiblicher Doctor in „Doctor Who“ ist keine große Sache und niemand urteilt vorschnell bei aktuellen Ereignissen, sondern wartet die Faktenlage ab.

Ich spreche nicht von Friede-Freude-Eierkuchen oder einer Rosa-Zuckerwatte-Welt. Wir wissen alle, dass wir nicht in einer solchen Welt leben. Häufig werden auch weniger schöne Erlebnisse geteilt, oft geht es politisch zu und auch schwere Krankheiten sind kein Tabu. Depressionen z. B. sind ein immer wieder aufgegriffenes Thema. Und das ist auch gut so. Wir können mit unangenehmen Themen umgehen. Aber es wird nicht mit Wut, Zorn oder gar Hass darauf reagiert, sondern ehrlich und respektvoll miteinander umgegangen, manchmal mit einer Prise Ironie oder Sarksamus.

Es macht mich stolz, Teil einer tollen Community zu sein, die immer ein offenes Ohr für andere und ihre Probleme hat. Und dann werde ich wieder nachdenklich: Wenn ich mir ohne großen Aufwand eine Filterblase geschaffen habe, die im Großen und Ganzen so harmonisch ist, wie sehen dann die Filterblasen von jenen Menschen aus, die durchs Internet trollen, andere beleidigen und überall ihre Negativität verbreiten? Ich stelle sie mir nicht als einen schönen Ort vor und möchte mich dort nicht aufhalten.

Ich glaube, dass Filterblasen eine enorme Macht über uns und unser Leben haben. Sie formen uns – ob wir das wollen oder nicht. Eine Filterblase, die sich auf das Positive in dieser Welt konzentriert, nehme ich anders wahr als eine, in der es ständig um Hass gegen Andersdenkende/Andersfarbige/Andersliebende/usw. geht. Ich merke es ja an mir selbst: Zehn Minuten in den Kommentarspalten eines Online-Magazins und plötzlich habe ich das Gefühl, die ganze Welt wäre schlecht und große Teile Menschheit ein Haufen verkommener Subjekte, mit denen ich nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun haben möchte. Wenn so mein gesamtes Online-Leben aussähe – lieber Gott, ich will gar nicht darüber nachdenken.

Von daher sehe ich meine Filterblase nicht als ein Problem an – im Gegenteil. Viele dieser Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen, viele kenne ich mittlerweile persönlich. Ich hoffe, dass viele andere diese positiven Erfahrungen ebenfalls machen dürfen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich liebe meine Filterblase. Wenn ich mich nicht dorthin zurückziehen könnte und immer wieder feststellen würde, dass es so viele wunderbare Menschen gibt, die ich ohne die Liebe zu den Büchern gar nicht kennengelernt hätte, wäre mein Leben um einiges ärmer.

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Beitragsbild:
Gaelle Marcel

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Verfasst von - August 18, 2017 in Begegnungen

 

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Ich habe es so satt …

In den letzten Tagen und Wochen habe ich mich mal wieder aufgeregt – und ich rege mich immer noch auf. Ich bin auch nicht sicher, ob mein Blog der richtige Ort ist, um meinem Ärger Luft zu machen, denn zu einem gewissen Grad tue ich ja hier genau das, was ich im Folgenden anprangern werde. Dennoch fühle ich mich bemüßigt, diesen Artikel zu schreiben. Ich werde später erläutern, warum.

Sicherlich ist die Meinungsfreiheit eine tolle Sache. Sie bedeutet aber nicht, dass jeder ungefiltert jeden Hirnfurz von sich geben muss. Wird Widerstand laut, kommt meistens so etwas wie „Ist halt meine Meinung.“ Ja, schön. Aber die ist halt kacke – das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Egal, ob es um die Ehe für alle geht („Die Ehe ist eine heilige Verbindung zwischen Mann und Frau, Homosexuelle können schließlich keine Kinder bekommen“), die mittlerweile rezeptfreie „Pille danach“ („Jetzt können die jungen Dinger rumvögeln wie sie wollen, der Umgang mit Verhütungsmitteln wird immer sorgloser“) oder um – ganz großes Thema momentan – Asylanten. Hier fällt es mir schwer, aus den ganzen blödsinnigen Kommentaren auszuwählen, die ich dazu lesen musste. „Und was ist mit den deutschen … (hier wahlweise einsetzen: Kindern, Rentnern, Familien, Hartz-4-Empfängern/Obdachlosen, etc. pp.)? Erstmal sollen DIE sich um ihr eigenes/ihre eigenen Volk/Land/Probleme/Leute kümmern, bevor Milliarden UNSERER Steuergelder an diese Schmarotzer verschwendet werden, die ja sowieso alles in den Arsch geschoben bekommen (5-Sterne Hotel, neuestes Smartphone, 3000€ Begrüßungsgeld – ja ne, ist klar).“

Ekelhaft.

Wer sind überhaupt DIE, die sich um UNSER Land kümmern sollen? Die Parteien, die Politiker, die, die das Sagen haben in diesem Land? Verdammt, tut doch selber etwas, damit es den Leuten hier besser geht! Engagiert euch ehrenamtlich, in der Suppenküche, bei den Tafeln oder meinetwegen auch im Tierschutz. Bietet Nachbarschaftshilfe an. Was auch immer.

Aber adressiert eure Beschwerden nicht an diejenigen, die erstens überhaupt nichts dafür und zweitens nichts ausrichten können.

Denn was genau unterscheidet uns von jenen, die (aus welchen Gründen auch immer) hierher kommen? Lediglich unsere verdammte privilegierte Herkunft. Das ist alles. Mit welchem Recht nehmen wir uns heraus, im Luxus zu leben und andere ins Elend zurückschicken zu wollen? Was haben WIR dafür geleistet, hier geboren zu sein? Gar nichts. Reines Glück, mehr nicht. Ein toller Grund, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, nicht wahr? „Besser“ zu sein als andere, ohne eine eigene Leistung erbringen zu müssen, ist schon was Feines, was?

Manche Leute scheinen echt die eigenen Felle davonschwimmen zu sehen, während sie abends in ihrer muckelig warmen Wohnung auf dem Kuschelsofa sitzen, sich mit Tiefkühlpizza vollstopfen und sich vom 50 Zoll Flatscreen berieseln lassen. Ich weiß, ich überspitze, aber ganz im Ernst? Uns geht es doch gut. Und glaubt mir, ich muss auch jeden Cent eher drei- als zweimal umdrehen und bin froh, wenn am Ende des Monats überhaupt noch ein paar Euro auf dem Konto sind. Aber dafür sind doch nicht andere Leute verantwortlich, denen es noch schlechter geht.

Was in Dresden, Freital, in zahlreichen anderen deutschen Städten und im Netz derzeit abgeht, ist unter aller Sau. Das ist nicht das Deutschland, in dem ich leben möchte. Und genau deshalb habe ich mich dazu entschlossen, diesen Blogpost zu schreiben. Weil ich nicht stillschweigend akzeptieren werde, wozu da aufgerufen wird.

Wenn mein bald 80-jähriger Opa über die Nachrichten nur noch bedrückt den Kopf schüttelt und sagt: „Es passiert schon wieder. Die Leute haben nichts gelernt“, dann ist das für mich ein Alarmsignal. Die meisten von den Stammtischparolendreschern haben in ihrem Leben Gott sei Dank nicht das Elend eines Krieges erleben müssen – ich ebenso wenig. Aber meine Vorstellungskraft reicht aus, um zu wissen, dass man seine Heimat nicht „einfach mal so“ verlässt und eine gefährliche Reise in ein Land auf sich nimmt, dessen Sprache man nicht spricht, weil es hier ja so schön sein soll.

Ich habe es so satt, jeden Tag diese Hetze zu lesen, ich kann es gar nicht sagen. Egal, ob es dabei gegen Andersgläubige, Ausländer, Homosexuelle, Freigeister, Hartz-4-Empfänger, Frauen, Männer oder Veganer geht. Lasst die Leute doch einfach in Ruhe ihr Leben leben. Es zwingt euch niemand, es ihnen gleich zu tun! Und niemand nimmt euch irgendetwas weg! Was geht es euch verdammt noch mal an, wenn eine 16-jährige sich in der Apotheke die „Pille danach“ besorgt? Was geht es euch an, wenn euer Nachbar einen Mann liebt und diesen heiraten möchte? Was gehen euch die Gründe an, aus denen Menschen in dieses Land kommen? Was?

Ich habe diese Menschen satt, die ihre Unzufriedenheit, Arroganz und unendliche Dummheit in die Welt hinausposaunen müssen. Herrgott, wir alle sind menschlich – sollten es jedenfalls sein.

Kehrt vor eurer eigenen Haustür und wenn ihr nichts Nettes zu sagen habt, verschont alle übrigen mit euren ätzenden Tiraden.

Es reicht nämlich. Wirklich.

Und wer meint, mich nun als „Gutmensch“ betiteln zu müssen: DANKE für das Kompliment.

 
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Verfasst von - Juli 28, 2015 in Begegnungen

 

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