RSS

Schlagwort-Archive: Brustkrebs

Schöne Scheiße: Diagnose Brustkrebs – 2 Jahre danach

Obwohl mein Gedächtnis in den meisten Belangen durchlässig ist wie ein Sieb, erinnere ich mich an diesen Tag vor zwei Jahren, als wäre es erst gestern gewesen. Ich erinnere mich an die Sorglosigkeit, mit der ich in die Befundbesprechung gegangen bin („Was soll das schon sein? Brustkrebs – Quatsch!“), an die Betroffenheit der Ärztin und an meinen Schock, als das Unerwartete eintrat. Ich erinnere mich an das Gefühlschaos, in das mich die Diagnose stürzte und an all die Schreckenswörter, die fielen – OP, Chemotherapie, Bestrahlung, Antihormontherapie …). Das konnte doch nicht plötzlich ein Teil meines Lebens sein?

Heute, auf den Tag genau zwei Jahre später, denke ich nur noch selten an dieses Gespräch und an das, was folgte. Meine tägliche Tablette nehme ich ganz selbstverständlich, die Narben der OP sehe ich kaum noch.

Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, wie verhältnismäßig leicht ich durch die Behandlung kam. Eine Chemotherapie blieb mir erspart, zwei Tage nach der OP war ich wieder auf den Beinen und die tägliche Bestrahlung über einen Zeitraum von 6 Wochen war eher lästig als schlimm. Die Antihormontherapie ist nicht toll, aber welche Tabletteneinnahme ist das schon?

Ich weiß, dass ich verdammtes Glück hatte (mit der Art des Tumors und der frühzeitigen Erkennung) und immer noch habe, denn bisher – toi, toi, toi – kam nichts zurück. Ich weiß aber auch, das andere nicht so viel Glück haben. Viele Frauen, die ich durch die Krankheit kennengelernt habe, haben den Kampf verloren oder kämpfen ihn noch immer.

Nach der Diagnose ist in der Tat plötzlich jeder Tag ein Kampf, nicht immer nur gegen den Krebs, sondern auch gegen die Wut, die Traurigkeit, den Gedanken „Warum ich?“. Ich war zum Glück nie der Typ Mensch, der mit seinem Schicksal hadert, ich kann Dinge – egal, wie ätzend sie sein mögen – ganz gut annehmen und das tun, was getan werden muss. Trotzdem ist schwer, sich die Lebensfreude zu bewahren und die Angst über das „Was, wenn…“ nicht  die Oberhand gewinnen zu lassen. Das gelingt wohl jedem Betroffenen mal besser, mal schlechter.

Nach der Diagnose ist aber auch jeder Tag ein Geschenk. Zwangsweise muss man sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen und begreift plötzlich, dass es die kleinen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen. Und ich habe begriffen, dass ich allein für mein Leben verantwortlich bin. Ich habe mich selbstständig gemacht, mein erstes Buch endlich(!) veröffentlicht und reise genauso viel wie vor der Diagnose.

Was mir persönlich nach wie vor schwerfällt, ist Entspannung. Früher war das leichter, ich habe ein Buch aufgeschlagen, bin für einige Stunden in eine andere Welt abgetaucht und wenn ich wieder ins reale Leben zurückkehrte, fühlte ich mich erholt. Heute ist das nicht mehr so einfach, was aber vor allem daran liegt, dass ich schon beruflich viele Stunden am Tag lese und Texte bearbeite. Lesen macht mir immer noch viel Freude, aber der erholsame Effekt ist kaum mehr vorhanden – Berufskrankheit. Autoren und insbesondere Lektoren lesen anders.

Ich weiß aber, wie wichtig Entspannung ist, um seine Energiereserven wieder aufzutanken. Das wird wohl mein Neujahrvorsatz für 2017: bewusst entspannen (lernen).

Ich wünsche allen Betroffenen die Kraft, durchzuhalten. Und allen Angehörigen und Freunden die Geduld, mit uns umzugehen. Denn was eine solche Diagnose immer mit sich bringt: Wir funktionieren nicht mehr wie zuvor. Es ist nicht möglich, mit einer solchen Erkrankung konfrontiert zu werden und sich nicht zu verändern. Aber Veränderung beinhaltet auch immer eine Chance: auf einen liebevolleren Umgang mit sich selbst und anderen, auf die Verwirklichung der eigenen Träume und Wünsche und manchmal auch auf einen Start in ein neues Leben.

Alles Liebe
eure Nina

Advertisements
 
11 Kommentare

Verfasst von - Oktober 28, 2016 in Begegnungen, Schreiben

 

Schlagwörter: , ,

Schöne Scheiße – Diagnose Brustkrebs

MottoIhr Lieben,

lange war es ruhig hier auf dem Blog, obwohl ich anderes angekündigt und auch anderes vorhatte. Aber manchmal macht einem das Leben einen Strich durch die Rechnung. Ihr seht schon an der Überschrift, worauf es hinausläuft: Nur weil man sich gesund fühlt, heißt das nicht, dass man auch gesund ist. Das durfte ich nun am eigenen Leib erfahren, denn der Knubbel, den ich in der linken Brust fühlen konnte, stellte sich leider als nicht so gutartig heraus, wie ich es erwartet hätte.

„Frau Hasse, das ist Brustkebs“, sagt die Ärztin zu mir und wirkt noch betroffener als ich mich fühle. Erst begreife ich gar nichts, dann sickert es langsam in mein Bewusstsein. Krebs? Ich? Das kriegen doch immer nur die anderen … (Kein sehr netter Gedanke, ich weiß.)

Die Begriffe „Chemotherapie“, „Bestrahlung“, „Operation“ fallen. Ich bin immer noch mit diesem großen Wort „Brustkrebs“ beschäftigt. Wie kann das sein? Verdammt, ich bin doch erst 28! Passiert das gerade wirklich? Kann mich bitte jemand wecken?

Knapp vier Wochen sind seit diesem Tag vergangen und mir geht es gut. Der Tumor hat bisher nicht gestreut, ist „faul und gemütlich“, wie meine Ärztin sagt. „Das hat er von mir“, entgegne ich.

Am Donnerstag werde ich operiert, seit einiger Zeit nehme ich Medikamente und hoffe, dass mir eine Chemotherapie erspart bleibt. Die Chancen stehen recht gut.

Es ist schon seltsam: Von jetzt auf gleich bin ich plötzlich Krebspatientin, krank, obwohl ich mich gar nicht so fühle.

Mittlerweile habe ich mich an den Gedanken gewöhnt und mir ist kar, dass ich sehr viel Glück habe. In meiner Altersgruppe überwiegt die aggressive Krebsform.

Den Tumor habe ich auf den Namen „Anton“ getauft, aus keinem bestimmten Grund; der Name kam einfach zu mir wie bei einer meiner Figuren. Anton und ich leben friedlich miteinander, ich fühle mich von ihm nicht bedroht. Mein Freund meint, er habe sich nur in der Tür geirrt. Und momentan scheint es wirklich so, als wolle er mir nichts Böses. Noch zwei Tage, dann muss er seine Koffer packen.

Wie gesagt – ich habe sehr viel Glück: Glück bei der Diagnose, Glück hier im Universitätsklinikum behandelt werden zu können, Glück mit einer tollen Familie und wunderbaren Freunden gesegnet zu sein. Und das Glück, freiberuflich tätig zu sein und mir meine Zeit frei einteilen zu können.

Ich sehe diese Krankheit als Chance, als Herausforderung, als Möglichkeit, mein Leben zum Positiven zu verändern, die kleinen Dinge mehr zu genießen und all die alltäglichen Sorgen nicht mehr ganz so schwer zu nehmen.

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich diesen Artikel veröffentliche. Eine Krankheit ist nichts, mit dem man gerne an die Öffentlichkeit geht. Ich möchte und brauche kein Mitleid und meine Sorge ist, dass die Krankheit zu sehr in den Vordergrund gerückt wird. Dann heißt es nicht mehr: „Ach Nina Hasse, ja, die ist doch Autorin und Lektorin“, sondern „Ach ja, die Nina. Die Arme hat ja Krebs“. Diese Vorstellung finde ich schrecklich. Ich möchte nicht über eine Krankheit definiert werden. Aber dieses Risiko gehe ich nun ein, denn die Krankheit gehört nun zu mir und meinem Leben, ist nun ein Teil von mir und wird meinen Alltag und sicherlich auch mein Schreiben in der ein oder anderen Art und Weise prägen.

Keine Sorge, dieser Blog wird nun kein Krebstagebuch, es ist und bleibt mein Autorenblog. Doch ich möchte mich nicht verstellen müssen und so tun, als wäre diese Welt immer wahnsinnig toll, bunt und in Ordnung. Das ist sie nicht. Ich möchte mich vom Krebs nicht in eine Ecke drängen lassen, in die ich nicht gehöre. Ich will (mir selbst) zeigen, dass ich immer noch der Chef in meinem Körper bin. Eine Krankheit, egal welcher Art, ob psychisch oder physisch, ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Sowas passiert. Ich denke, Lebenskunst besteht vor allem darin, sich nicht unterkriegen zu lassen und das Leben genießen zu können – auch wenn es dir manchmal kräftig ins Gesicht schlägt.

Nun kann ich in bester Barney-Stinson-Manier sagen: „Challenge accepted!“

Macht euch keine Sorgen, im Januar geht es hier dann weiter, mit hoffentlich ganz vielen News zu Ersticktes Matt und der geplanten Veröffentlichung. Ich durfte schon einen ersten Blick auf den Coverentwurf werden  – es ist jetzt schon sooo umwerfend und ich brenne darauf, es euch im nächsten Jahr zu zeigen!

Die allerbesten Wünsche für euch und eine entspannte Weihnachtszeit! Macht es euch schön!

Eure Nina

Kleines Update, 4.12.14:
OP gut überstanden, Anton ist ausgezogen. Ich danke euch für all die guten Wünsche, die mich auf so vielen Kanälen erreicht haben! 🙂
image

 
18 Kommentare

Verfasst von - Dezember 2, 2014 in Begegnungen

 

Schlagwörter: , ,