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#FBM17 – Kein Messebericht.

Achtung: Langer Post, in dem ich tlw. ein wenig pissig auf gewisse Vorkommnisse reagiere. Ich hab’s sachlich versucht – hat leider nicht geklappt. Sorry.
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Ihr merkt es: Bislang ist von mir noch kein Artikel zur Frankfurter Buchmesse 2017 erschienen. Ich tue mich in diesem Jahr sehr schwer damit, denn für mich war die Messe immer eine der wenigen Möglichkeiten im Jahr, bei denen man Kollegen und mittlerweile auch Freunde aus der ganzen Welt trifft, sich austauscht – auch, aber nicht nur über das Schreiben oder Bücher allgemein. Dieses Jahr habe ich die Messe ebenso wahrgenommen, doch leider ging es vielen nicht so.

Ich möchte deshalb in diesem Text nicht über meine Messeerlebnisse berichten, das werde ich zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Denn ich will die Vorkommnisse, die sich in einem gewissen Bereich an einigen Tagen dort zugetragen haben, nicht mit meinen schönen Erfahrungen mischen. Ich lasse mir meine Buchmesse nämlich nicht kaputtmachen. Aber ich will Stellung beziehen – nicht zum ersten Mal. Wer mir schon länger auf den verschiedenen Kanälen folgt, weiß, dass ich nicht unpolitisch bin, nicht unpolitisch sein kann.

Ich muss dazu sagen: Ich habe von den Ausschreitungen in Halle 4.1 nichts mitbekommen. Die meiste Zeit habe ich in Halle 3.0 verbracht, in der sich die meisten Publikumsverlage, Autoren und Leser tummeln. Wer noch nie auf dem Frankfurter Messegelände war: Es ist riesig. Selbst wenn die Tumulte in der gleichen Halle stattgefunden hätten, wäre es nicht garantiert gewesen, davon etwas mitzubekommen.

Ich muss auch ehrlich gestehen: Die Veranstaltungen und Stände dieser sogenannten „Neuen Rechten“ haben mich nicht die Bohne interessiert. Ich bin nur einmal dort vorbeigekommen, da stellte eine einigermaßen bekannte Autorin gerade ihr Buch zum Thema Mütter vor. Ich habe die Augen verdreht und schleunigst das Weite gesucht, weil ich diesen hanebüchenen Unsinn, der darin verzapft wird, nicht ertrage.

Es war ja auch nicht das erste Mal, dass diese Verlage dort einen Stand hatten, nur das erste Mal, dass bereits im Vorfeld verstärkt darüber berichtet wurde. Ich kann die Haltung der Messeleitung in diesem Punkt – im Gegensatz zu manch anderem – nachvollziehen. Diese Verlage sind nicht verboten. Meiner Ansicht nach stünde es der Messeleitung daher auch nicht zu, ein Standverbot auszusprechen. Das hätte wohl nur dazu geführt, dass die Betreffenden sich widerholt in ihrer Opferrolle suhlen, ein Verhalten, dass diese Leute bis zur Perfektion betreiben.

Es gehört zu einer Demokratie dazu, unliebsame Meinungen zuzulassen. Damit meine ich explizit keine volksverhetzenden, rassistischen oder andere Inhalte, die verfassungsfeindlich sind. Es hat aber einen Grund, warum diese Verlage und die von ihnen produzierten Bücher eben nicht verboten sind. „Unliebsame Meinungen zuzulassen“ bedeutet auch nicht, diese zu akzeptieren, ja nicht einmal zu tolerieren. Widerspruch ist hier Pflicht, vor allem, wenn vonseiten der Rechten versucht wird, die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, immer weiter in eine Richtung zu verschieben, die Ausgrenzung und sogar Gewaltbereitschaft fördert.

Wie gesagt: Ich kann die Entscheidung der Buchmesse, diesen Verlagen einen Standplatz zur Verfügung zu stellen, nachvollziehen. Nur weil wir etwas aus unserem Leben verbannen, heißt es nicht, dass es nicht mehr exististiert. Diese Leute werden weiter schreiben, weiter veröffentlichen, weitere Leute anziehen. Von daher fand ich ihre Auftritte auf der Messe, die ich über die sozialen Netzwerke und tlw. über ihre eigenen Videos verfolgt habe, sehr entlarvend. Es ist mir lieber, ich habe eine Ahnung davon, wie diese Leute ticken, als dass sie irgendwo im Verborgenen agieren.

Leider hat sich bei diversen Vorfällen gezeigt, dass Personal und Messeleitung eindeutig überfordert waren. Ich wage die Vermutung, dass sie nicht mit solchen Auseinandersetzungen gerechnet hatten, eben weil diese Verlage nicht zum ersten Mal dort ausstellten. Das war gewiss naiv und soll nun keine Entschuldigung für das Versagen in den betreffenden Fällen sein, ebenso wenig wie für das wenig bissige Statement, das am Samstag herausgegeben wurde.

Aber ich war nicht vor Ort. Ich habe zahlreiche Meldungen gelesen, darunter auch vieles, was sich hinterher als falsch herausgestellt hat – sowohl vonseiten der Rechten als auch von ihren Gegnern. Aus diesem Grund habe ich verhältnismäßig wenig geteilt. Ich halte nichts davon, in Rage geschriebene Postings zu einem so wichtigen Thema zu verfassen. Am Samstag ploppten in meiner Twitter-Timeline leider tlw. sehr hysterisch wirkende Tweets auf, größtenteils von Leuten, die nicht mal vor Ort waren. Das halte ich für wenig hilfreich und – ganz im Gegenteil – sogar für schädlich. Sehr unglücklich fand ich in diesem Zusammenhang die Boykottaufrufe, im nächsten Jahr nicht mehr zur Messe zu fahren, sofern den rechten Verlagen das Ausstellen nicht untersagt wird. Entschuldigung, aber was ist das denn bitte für ein Verständnis von Widerstand? Vielleicht wischt man damit der Buchmesse eins aus, weil man enttäuscht von der Organisation ist. Okay – geschenkt.

Aber: Den Rechten ist es VÖLLIG egal, ob ihr die Buchmesse boykottiert. Sie werden das höchstens als Sieg werten, weil wir ihnen damit die Messe überlassen. Indirekt gestehen wir damit ein, dass sie gewonnen haben. Und das ist für mich völlig inakzeptabel. Ich denke: Jetzt erst recht. In diesem Jahr war ich darauf nicht vorbereitet, weil ich mich im Vorfeld nicht für die Veranstaltungen dieser Verlage interessiert habe. Im Leben wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass die Situation auf einer Buchmesse derart eskalieren könnte. Im nächsten Jahr weiß ich es besser. Ich werde eindeutig politischer auftreten, sei es durch T-Shirts, Buttons, Plakate usw. Jeder, der mich dort sieht, soll wissen, wo ich stehe und dass ich mich nicht von irgendwelchen rechten Idioten einschüchtern lasse.

Zuhause bleiben und ab und an mal einen kritischen Blogpost schreiben oder Tweet absetzen, ist für mich Wohlfühlwiderstand, der letztendlich nur wenig bewirkt, weil wir uns alle in unseren Filterblasen bewegen – wir genauso wie die Rechtspopulisten und Rechtsextremen.

Ich bin auch nicht dafür, mit denen zu reden, ich glaube nicht, dass das noch irgendetwas bringt. Aber wir können (und müssen!) Position beziehen und Flagge zeigen. Sowohl online als auch offline.

Nach der Bundestagswahl am 24. September 2017 habe ich getwittert:

Ich werde dieses menschenverachtende Gesellschaftsbild erstens nicht akzeptieren & ihm zweitens alles entgegensetzen, was ich habe.

Das war für mich kein leerer Spruch. Ich bin bereit, für eine offene Welt, für Freiheit und ein freundliches Miteinander einzustehen – koste es, was es wolle. Ich halte allerdings nichts davon, unliebsame Veranstaltungen niederzubrüllen, damit heizt man sie nur an, fördert die Berichterstattung. Ich wünsche mir hingegen, Gleichgesinnte zu finden, die sich eindeutig positionieren, die den Rechten Grenzen aufzeigen, die keine Angst haben, ich wünsche mir einen eindeutigen Widerstand, auch und gerade in der Bücherszene. Ich weiß noch nicht genau, wie der aussehen soll und kann, aber ich habe ja nun ein paar Monate Zeit, mir darüber Gedanken zu machen.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Lösungen für den Umgang mit Rechts. Reden halte ich für verschwendete Lebenszeit und unnötige Aufmerksamkeit. Ich glaube, die Leute, die diese Reden gutheißen, sind so weit von meiner eigenen Lebensrealität entfernt, dass wir keine gemeinsame Basis finden würden. Und ich habe auch kein Interesse mehr an einem Austausch, v. a. nicht, wenn ich mir die Videos der Messeveranstaltung der „Identitären“ anschaue, die im Netz kursieren. Hohle Phrasen, Gezeter und Gebrüll von lächerlichen Figuren, die ich nicht ansatzweise ernst nehmen kann. „Wo wart ihr an Silvester?“-Schreie, „Schande!“-Skandierungen und „Übernahme der Buchmesse“-Titeleien. Ernsthaft? Ihr wirkt wie eine aggressive, hirnlose Masse, die irgendwelche Parolen brüllt – ohne zu verstehen, was überhaupt dahintersteckt. Wenn eure Heimat das einzige ist, auf das ihr stolz sein könnt und das ihr (gegen was oder wen auch immer) „verteidigen“ wollt, tut ihr mir aufrichtig leid.

Und noch ein Hinweis, weil darüber mal wieder völlig undifferenziert berichtet wurde: Nur weil man gegen menschenverachtende Parolen von Rechts demonstriert, ist man nicht automatisch links. Von Zusammentreffen von links und rechts kann also eigentlich nicht wirklich die Rede sein. Jeder, der für eine freie und offene Gesellschaft eintritt, sollte jenen entgegentreten, die diese einschränken oder gar abschaffen wollen – ganz egal, in welches politische Spektrum er sich einsortiert.

Und da ich jetzt die berüchtigte Kritik an „beiden Seiten“ geübt habe, weil ich das Vorgehen einiger, die wahrscheinlich hehre Ziele verfolgen, auch nicht gutheißen kann: Ich wünsche mir, dass in solchen Situtionen seitens Polizei und Messeleitung härter durchgegriffen wird. Wenn Gegendemonstranten gewalttätig werden, haben sie das Gelände zu verlassen, ebenso wie aggressive Teilnehmer der Veranstaltung. Wenn der Messechef eine Veranstaltung für beendet erklärt, dann ist diese zu beenden, fertig. Dieses rotzfreche Weiterführen und sich dafür feiern lassen, ist absolut respektlos, nicht akzeptabel und zeigt eindeutig, wessen Geistes Kind diese Leute sind.

Die Frankfurter Buchmesse muss die Auftritte der Rechten im Rahmen der Meinungsfreiheit und des Grundgesetzes vielleicht tolerieren, wir jedoch nicht. Um eindeutige Positionierung und Stellungnahmen kommen wir schon lange, spätestens aber seit jetzt, wo es unsere eigene Branche betrifft, nicht mehr herum – wenn uns unsere Zukunft nicht völlig egal ist.

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4 Kommentare

Verfasst von - Oktober 20, 2017 in Begegnungen

 

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