RSS

Ersticktes Matt – Leseprobe

Floodlands, New York, 6. Februar 1893

Die Frau sah aus wie eine Wachsfigur. Sie war tot, das erkannte Lafayette auf den ersten Blick. Dieser Blödsinn von friedlichen Toten, die wirkten, als würden sie schlafen, um im nächsten Moment die Augen aufzureißen, war von den Schauer- und Kriminalromanen verbreitet worden, die die Leute gerne heimlich unter der Bettdecke lasen. Nichts jedoch konnte über die wächserne Haut einer realen Leiche hinwegtäuschen, über die unnatürliche Blässe und den grauen Schleier des Todes, der sich über sie legte. Die tote Hülle hatte nichts mehr mit der Person gemein, die sie einmal gewesen war und niemand hätte ihre Gesichtszüge für die eines lebenden Menschen halten können.

Lafayette streckte eine Hand nach ihr aus, zog sie jedoch schnell wieder zurück.

Reiß dich zusammen, Remy. Du bist doch kein blutiger Anfänger.

Es war eine Weile her, seit er das letzte Mal das Gesicht einer Leiche untersucht hatte. Seit über sieben Monaten arbeitete er ausschließlich mit lebenden Menschen und die Arbeit an den Toten hatte ihm – wenn er ehrlich war – nicht wirklich gefehlt.

In Gedanken fertigte er eine Skizze des toten Mädchens an. Sie war jung, vielleicht Anfang zwanzig und zu Lebzeiten bestimmt einmal sehr hübsch gewesen. Blondes Haar, ausgeprägte Wangenknochen, volle, herzförmige Lippen, ein Grübchen auf der linken Wange. Sie hatte sicherlich oft gelacht. Eine zielstrebige Person, voller Energie, Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Lafayette seufzte. Ein ungewöhnliches Gesicht in diesem Stadtviertel, dessen Bewohner selten Grund zur Freude hatten. Er machte sich daran, nach Unebenheiten und Auffälligkeiten zu suchen. Keine Narben, Schürfwunden oder blaue Flecken im Gesicht. Was war ihr zugestoßen?

»Sind Sie bald fertig?« Ein schwammiger Kerl mit Halbglatze und Monokel vor dem linken Auge war neben ihn getreten.

»Dr. Blackburne«, begrüßte er den Rechtsmediziner und streckte ihm seine Hand entgegen. »Unsere Wiedersehensfreude wird wohl immer durch Leichen getrübt, also verzeihen Sie bitte, wenn sich meine Begeisterung in Grenzen hält.«

Die grauen Haarspitzen, die unter dem Bowler des Arztes hervorlugten, die buschigen Augenbrauen, die Koteletten, das speckige Kinn – er  hatte sich in den letzten Monaten kein bisschen verändert.

»Immer noch der alte Witzbold, was?« Der Doktor ergriff seine Hand.

»Und Sie? Immer noch der alte Perfektionist?«

»Analysieren Sie mich etwa?«

»Ihre stark ausgeprägten Augenbrauen deuten darauf hin, dass sie detailverliebt sind und dazu neigen, andere zu überfordern. Und in Kombination mit der Form Ihrer Lippen -«

»Hören Sie sofort auf damit«, knurrte Blackburne. »Sie nochmal an einem Tatort zu begrüßen, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Willkommen zurück in den Floodlands.«

Lafayette verzog das Gesicht. Normalerweise mied er die Pfahlbautensiedlung im East River – wie jeder normale New Yorker Bürger – wann immer er konnte. Elend, Gewalt, Krankheit und Tod zogen wie die vier apokalyptischen Reiter durch das Viertel und hielten es in eisernem Griff. Die Five Points waren ein Kurort dagegen. Allein der Geruch schloss ihn wie einen lange vermissten Freund in die Arme. Feuchtes Holz, Staub, ungewaschene Haut, Schimmel. Widerlich.

»Klären Sie mich auf, Doc. Was ist mit ihr geschehen? Was haben Sie?«

»Bisher kaum mehr als Vermutungen. Weiblich, weiß, Anfang bis Mitte zwanzig. Wahrscheinlich handelt es sich um die Bewohnerin dieser … Behausung, eine gewisse …«, er blätterte in seinen Notizen, »Carla Lewis. Todesursache wahrscheinlich Erdrosselung.«

Er deutete auf die dunkelroten Striemen, die sich um den Hals des Mädchens wanden.

Lafayette legte den Kopf schief und betrachtete die Tote genauer. Ihr Kopf war zur Seite geneigt, die Augen geschlossen. Unterhalb der Drosselmale schlang sich ein violettes Tuch um ihren Hals.

Er deutete darauf. »Die Mordwaffe?«

Blackburne hob die Schultern. »Die Vermutung liegt nahe. Genaueres kann ich erst sagen, wenn ich sie auf dem Tisch hatte.«

Lafayette spürte einen eisigen Hauch im Nacken. Wahrscheinlich der Regen, der sich in seinen Haaren gesammelt hatte.

Mit einer bizarr anmutenden Apparatur über den Augen beugte Blackburne sich über das Mädchen. Die kupfernen Okulare ließen ihn aussehen wie eine Stielaugenfliege. Dennoch, den Nutzen der Brille konnte Lafayette nicht verhehlen, sie vergrößerte Objekte um ein Vielfaches und war sehr nützlich, wenn es darum ging, Fasern oder Gewebe zu analysieren. Allein die Optik war lächerlich.

Blackburne schien sich daran nicht zu stören. »Violettes Halstuch, wahrscheinlich Seide. Nicht ganz billig.«

»Ich glaube nicht, dass es ihr gehörte.«

»So?«

»Sehen Sie sich doch hier um.« Lafayette deutete in den Raum, der mit einem Bett, einem wackeligen Holztisch und zwei Stühlen selbst für die Verhältnisse in den Floodlands äußerst spärlich eingerichtet war.

»Ich liefere die Fakten, Sie interpretieren sie. Sicher ist jedenfalls, dass das Opfer sich nicht gewehrt hat. Keine Kratzer an den Händen, Handgelenken oder Unterarmen, keine Spuren von Haut oder anderem unter den Fingernägeln.«

»War sie bewusstlos, als sie getötet wurde?«

»Das kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Sie wurde höchstwahrscheinlich nicht niedergeschlagen; ich konnte keine Spuren von stumpfer Gewalteinwirkung entdecken. Eine Ohnmacht ist jedoch nicht auszuschließen. Wenn jemand versucht hätte, sie bei vollem Bewusstsein zu erdrosseln, hätte sie sich gewehrt – und das hätte Spuren hinterlassen.«

»Todeszeitpunkt?«

Der Mediziner blätterte erneut in seinen Aufzeichnungen. »In Anbetracht des fortgeschrittenen Rigor mortis und der Körpertemperatur würde ich schätzen, dass der Eintritt des Todes etwa sechs bis acht Stunden zurückliegt. Das bedeutet …« Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr. Es war ein schönes Stück, offenbar Echtgold und ein Familienerbstück. »Zeitpunkt des Todes etwa zwischen zehn Uhr gestern Abend und Mitternacht. Aber Sie wissen ja -«

»Genaueres erst nach der Obduktion.«

»Genau. Die Figur hat sie übrigens noch in der Hand. Dran kommen wir erst im Leichenschauhaus. Ich will ihr nicht die Finger brechen, bevor ich sie auf dem Tisch hatte.«

»Figur?«

»Na, Sie sind ja bestens informiert«, grunzte Blackburne. Er deutete auf das Schachbrett, das neben einer gesprungenen Tasse auf dem Tisch stand. Ein einfaches Brett aus Holz mit schwarzen und weißen Figuren ohne besondere Verzierungen oder sonstigen Schnickschnack. Die Figuren standen auf dem Brett verteilt, als hätte jemand das Spiel plötzlich abgebrochen. Keiner der Könige stand im Schach, die Partie war noch in vollem Gange.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Lafayette.

»Woher soll ich das wissen? Die Polizei hat es wohl erst für Zufall gehalten, aber jetzt, bei Opfer Nummer Drei, das auf diese Weise getötet wird, geht sie davon aus, dass der Täter die Schachspiele mitbringt, aufbaut und den Mädchen die Figur post mortem in die Hand legt. Aber da fragen Sie lieber die Kollegen vom Department für Mord und Gewaltdelikte. Ist wie gesagt nicht mein Aufgabenbereich.«

»Schon klar.«

Lafayette ging zum Fußende des Bettes und betrachtete das Mädchen. Sie war bekleidet aufgefunden worden, trug ein Nachthemd und ihr Körper war von einer grauen Wolldecke bedeckt. Also höchstwahrscheinlich kein Sittlichkeitsverbrechen. Ihre Hände waren sorgfältig gefaltet worden, ihr blondes Haar liebevoll auf dem Kopfkissen drapiert.

Vielleicht hatte der Täter eine persönliche Beziehung zu ihr gehabt? Er stellte sich den Mörder vor, der ihr das Haar in sanfte Wellen legte, ihr über die Wange strich, bevor er die Wohnung verließ. Mord aus Leidenschaft? Die Tatsache, dass sie ein Nachthemd trug, verstärkte diese Theorie. Welche Frau würde einem Unbekannten in ihrer Nachtwäsche die Tür öffnen?

»In der Hütte nebenan wartet die Nachbarin der Toten auf ihre Vernehmung. Der Officer, der jetzt bei ihr ist, war mit der alten Dame völlig überfordert. Ist wohl sein erster Mordfall. Ansonsten ist das erst einmal alles. Wir packen sie jetzt ein und dann mache ich mich direkt an die Arbeit. Ich konnte ein paar Termine verschieben.« Blackburnes hängende Schultern deuteten darauf hin, dass er sich nicht auf einen frühen Feierabend freuen durfte. »Sie können Detective Vezér ausrichten, dass sie den Bericht heute Abend auf ihrem Schreibtisch hat.«

»Detective Vezér bearbeitet den Fall?« Schlagartig verknotete sich Lafayettes Magen. Einerseits hatte er gehofft, auf Detective Madeline Vezér zu treffen, anderseits fürchtete er die Begegnung. Ihr letztes Zusammentreffen war nicht eben harmonisch verlaufen.

»Sicher. Sie wird sich irgendwo hier in den Floodlands herumtreiben und das tun, wofür sie bezahlt wird.«

Der Knoten in seinem Magen verstärkte sich. Er atmete tief durch. Gut, dann würde er Madeline eben früher als erwartet treffen, vielleicht sogar mit ihr zusammenarbeiten. Wenn sie ihn denn ließ …

»Sorgen Sie bitte dafür, dass eine Nahaufnahme von ihrem Gesicht gemacht wird«, sagte er im Hinausgehen zu Blackburne. »Und ich brauche bitte noch ein Bild im Profil.«

Der Rechtsmediziner brummte unwillig und Lafayette nickte ihm zum Abschied zu. Wenn Blackburne und seine Helfer das Mädchen einpackten, wollte er nicht mehr zugegen sein.

Advertisements
 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

 
%d Bloggern gefällt das: