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Meine Filterblase & ich

18 Aug
Meine Filterblase & ich

Ich liebe meine Filterblase. Ja, ich habe eine – und das ganz bewusst. Sie befindet sich sowohl auf Twitter als auch auf Instagram. Auf Facebook tendenziell eher weniger – was wohl auch mit ein Grund ist, warum ich es das Netzwerk ist, auf dem ich mich am wenigsten rumtreibe.

Ich weiß, dass es viele gute Gründe gegen eine Filterblase gibt und auch, dass häufig abfällig gesagt wird „Du in deiner Filterblase hast doch eh keine Ahnung“. Ja, das mag sein. Ich habe nicht von jedem Thema Ahnung und auch nicht zu jedem eine Meinung. Aber wenn ich online bin, dann möchte ich selbst entscheiden, welchen Themen und Personen ich meine Aufmerksamkeit schenke. Das mag man nun Selektion nennen oder „die Augen verschließen“. Aber genauso wie ich die Menschen in meinem realen Umfeld auswähle, mit denen ich meine Zeit verbringe, mache ich das auch in den sozialen Netzwerken. Ich schmeiße niemanden aus meinen Listen, der meine Meinung nicht teilt – im Gegenteil, ist doch langweilig, wenn alle gleich denken -, aber Leute, die ausfallend werden, trollen und pöbeln haben dort nichts zu suchen. Es ist meine Online-Welt, die ich mir schaffe – und wer sich nicht benehmen kann, fliegt raus. Ganz einfach.

Der Ton in den sozialen Medien hat meinem Empfinden nach in den letzten Jahren an Schärfe zugenommen. Kaum ein Artikel, unter dem sich nicht verbal geprügelt wird – auch wenn es um völlige Nichtigkeiten geht. Und jedes Mal, wenn ich solche Diskussionen lese – ja, ich gebe zu, den Fehler mache ich das ein oder andere Mal noch – fühle ich mich hinterher schlecht. Weil ich es nicht glauben kann, dass Menschen so sehr von Hass zerfressen sind, dass sie ihre häufig misanthrope Weltanschauung in die Öffentlichkeit hinausposaunen müssen. Bei nichtigen Themen schüttele ich meistens nur genervt den Kopf, bei anderen, wo es wirklich um etwas geht – Flüchtlingsthematik/Rechtsextremismus/Feminismus/LGBT/Tier- und Umweltschutz/usw. – werde ich wütend.

Meistens juckt es mich dann in den Fingern, einen (oder gleich mehrere) Kommentar(e) zu schreiben, manchmal formuliere ich und tippe und tippe – nur um dann doch wieder alles zu löschen. Nicht weil ich mich nicht angreifbar machen oder für „meine“ Themen einstehen will, sondern weil es so sinnlos ist. Wie ein Kampf gegen Windmühlen. In den Kommentarspalten der Online-Magazine oder den sozialen Netzwerken wird man niemanden überzeugen können, eine freundlichere Sicht auf die Dinge anzunehmen.

Überhaupt – andere von meiner persönlichen Meinung zu überzeugen, liegt mir fern. Ich diskutiere gerne, möchte dieses aber auf Augenhöhe tun und mich nicht anpöbeln lassen – nur weil ich eine andere Meinung habe/eine Frau bin/kein Verständnis für „besorgte Bürger“ aufbringe/usw.

Wenn mir die triste Online-Welt, in der wenige so laut sind und viele andere so still, zu sehr aufs Gemüt schlägt, ziehe ich mich in meine Filterblase zurück. Meine Filterblase, das sind all die wunderbaren Büchermenschen, die ich in den letzten Jahren auf Twitter und Instagram kennenlernen durfte. Uns alle verbindet die LIEBE zu Büchern, nicht der Hass auf irgendjemanden oder irgendetwas. Es macht unwahrscheinlich viel aus, wenn sich eine Gruppe aus heterogenen Individuen zusammenschließt, weil sie eine gemeinsame, positiv-ausgerichtete Leidenschaft haben, die sie miteinander verbindet.

Egal zu welchem Thema: Nahezu alle posten reflektiert und sachlich, man kann wunderbar diskutieren und muss nicht befürchten, beleidigt zu werden, wenn man nicht einer Meinung ist. So ein Austausch ist tatsächlich möglich! In meiner Liste herrscht ein weltoffener und menschenfreundlicher Tenor. Hier wird sich ausnahmslos über die „Ehe für alle“ gefreut, ein weiblicher Doctor in „Doctor Who“ ist keine große Sache und niemand urteilt vorschnell bei aktuellen Ereignissen, sondern wartet die Faktenlage ab.

Ich spreche nicht von Friede-Freude-Eierkuchen oder einer Rosa-Zuckerwatte-Welt. Wir wissen alle, dass wir nicht in einer solchen Welt leben. Häufig werden auch weniger schöne Erlebnisse geteilt, oft geht es politisch zu und auch schwere Krankheiten sind kein Tabu. Depressionen z. B. sind ein immer wieder aufgegriffenes Thema. Und das ist auch gut so. Wir können mit unangenehmen Themen umgehen. Aber es wird nicht mit Wut, Zorn oder gar Hass darauf reagiert, sondern ehrlich und respektvoll miteinander umgegangen, manchmal mit einer Prise Ironie oder Sarksamus.

Es macht mich stolz, Teil einer tollen Community zu sein, die immer ein offenes Ohr für andere und ihre Probleme hat. Und dann werde ich wieder nachdenklich: Wenn ich mir ohne großen Aufwand eine Filterblase geschaffen habe, die im Großen und Ganzen so harmonisch ist, wie sehen dann die Filterblasen von jenen Menschen aus, die durchs Internet trollen, andere beleidigen und überall ihre Negativität verbreiten? Ich stelle sie mir nicht als einen schönen Ort vor und möchte mich dort nicht aufhalten.

Ich glaube, dass Filterblasen eine enorme Macht über uns und unser Leben haben. Sie formen uns – ob wir das wollen oder nicht. Eine Filterblase, die sich auf das Positive in dieser Welt konzentriert, nehme ich anders wahr als eine, in der es ständig um Hass gegen Andersdenkende/Andersfarbige/Andersliebende/usw. geht. Ich merke es ja an mir selbst: Zehn Minuten in den Kommentarspalten eines Online-Magazins und plötzlich habe ich das Gefühl, die ganze Welt wäre schlecht und große Teile Menschheit ein Haufen verkommener Subjekte, mit denen ich nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun haben möchte. Wenn so mein gesamtes Online-Leben aussähe – lieber Gott, ich will gar nicht darüber nachdenken.

Von daher sehe ich meine Filterblase nicht als ein Problem an – im Gegenteil. Viele dieser Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen, viele kenne ich mittlerweile persönlich. Ich hoffe, dass viele andere diese positiven Erfahrungen ebenfalls machen dürfen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich liebe meine Filterblase. Wenn ich mich nicht dorthin zurückziehen könnte und immer wieder feststellen würde, dass es so viele wunderbare Menschen gibt, die ich ohne die Liebe zu den Büchern gar nicht kennengelernt hätte, wäre mein Leben um einiges ärmer.

~~~
Beitragsbild:
Gaelle Marcel

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14 Kommentare

Verfasst von - August 18, 2017 in Begegnungen

 

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14 Antworten zu “Meine Filterblase & ich

  1. Daniel Bleckmann

    August 18, 2017 at 6:40 am

    Ich bin dankbar, Teil deiner Filterblase zu sein. Allein schon wegen der vielen tollen Buchtipps (zuletzt: Sketchnotes von Mike Rhode).
    Ich freue mich auf weiteren kreativen Austausch.

     
    • Nina C. Hasse

      August 18, 2017 at 1:10 pm

      Vielen Dank! Ich freue mich auch sehr, dich dabei zu haben! 🙂

       
  2. kitsune_miyagi

    August 18, 2017 at 6:44 am

    Guten Morgen. 🙂

    Ich weiß ganz genau, was du meinst. Aus diesem Grunde habe ich FB nun endgültig den Rücken gekehrt. Dadurch fallen zwar Leser auf dem Blog weg, aber wenn ich ehrlich bin habe ich schon mehrfach darauf hingewiesen, dass man ihm auch auf andere Art und Weise folgen kann. Wenn einem das zu aufwendig ist, dann ist es halt so. Muss und kann ich mit Leben. Twitter und IG sind bei mir schon immer meine Bücher-Filterblase gewesen. FB mein Sammelbecken an Tier- und Menschenrechtlern. Nur wird sich dort seit Längerem schon nur noch im Kreis gedreht. Menschen, die ausschließlich Veganer auf der Freundesliste haben posten Schlachtvideos. Andere sind in Gruppen, die genau gegen ihre Vorstellungen sind (zB Bürgerwehren) und posten dort als Einzelkämpfer gegen die große Masse an und gehen dadurch psychisch vor der Hunde. Das ist halt eine andere Art der Filterblase. Habe es mehrfach gesehen, dass sich Leute in Horror und Weltschmerz verrennen und da nicht mehr rauskommen. Aber statt wirklich aktiv zu werden, werden auf FB Beiträge innerhalb der eigenen Freundesliste geteilt. Ich musste da auch raus, was aber nicht heißt, dass ich mich nicht mehr politisch engagiere, nur eben nicht mehr auf dies Art und Weise.

    Liebe Grüße,
    Nise

     
    • Nina C. Hasse

      August 18, 2017 at 1:21 pm

      Vielen Dank für deinen Komemntar, liebe Nise! Ich kann dich so gut verstehen. Facebook ist für mich mittlerweile auch ein rotes Tuch – gerade auch in Bezug auf die Tierschützer und Menschenrechtler, die du ansprichst. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die furchtbare Dinge tun und dass es Tierquälerei gibt. Ich bin absolut gegen Massentierhaltung, habe meinen Fleischkonsum extrem eingeschränkt. Wenn ich dann aber ständig Videos von gepeinigten Tieren in die Timeline gespült bekomme, fühle ich mich furchtbar. Ich kriege diese Bilder tagelang nicht mehr aus dem Kopf, weil es so furchtbar wehtut, das zu sehen. Vielleicht meinen einige nun, dass ich die Augen davor verschließe – mag sein. Man rettet aber nicht die Welt, in dem man grausame Videos bei Facebook teilt, sondern indem man sein eigenes (Konsum-)Verhalten ändert.

      Auch und gerade online sollte man an seine eigene geistige Gesundheit denken. Was macht es mit mir, wenn ich mich ständig mit den schlechten Aspekten dieser Welt beschäftige? Macht es mich zu einem besseren Menschen? Nicht wirklich. Ich glaube eher, man verbittert, weil man irgendwann feststellt, dass man gegen Windmühlen kämpft …

      Liebe Grüße
      Nina

       
  3. B.E. Thyke

    August 18, 2017 at 10:03 am

    Wieder einmal schön geschrieben.

    Ich habe mich, eher zufällig mit dem Thema Social Media, Internet und unser Zusammenleben interessiert und Du sprichst hier gute Punkte an.

    1. Entscheiden wir, mit wem wir unsere Zeit verbringen. In der Onlinewelt gegen alles anschreien zu wollen ist vergebens.
    2. Positive Dinge beeinflussen uns positiv, negative.. Naja, negativ halt. Einmal eine Diskussion starten und deine Konzentration ist für den Rest des Tages dahin

    Ich merke sofort, wie mein Surfverhalten mich beeinflusst, aber erst seit ich generell achtsamer bin und dieses Thema ein bisschen in meinen persönlichen Fokus gerückt habe.

    Aber die guten Seiten sind genau so wichtig. Lachen, inspirieren, voneinander Lernen und sich unterstützen. Nur so werden Selfpublisher zu der Stimme, die sie verdient haben zu sein.

    Ich freue mich, Teil deiner Filterblase sein zu dürfen 🙂

     
    • Nina C. Hasse

      August 18, 2017 at 1:14 pm

      Danke für deinen Kommentar! 🙂 Was du schreibst, ist wahr. Ich denke, dass Achtsamkeit ein guter Ansatzpunkt sein kann, sein eigenes Online-Verhalten – und auch mit wem man da so schreibt – zu reflektieren.

      Ich bin immer hin- und hergerissen: Einerseits habe ich das starke Bedürfnis, nicht zur schweigenden Mehrheit zu gehören, andererseits möchte ich jenen, die diesen Hass verbreiten, nicht wirklich meine Aufmerksamkeit schenken. Es ist … schwierig. Von daher bin ich umso dankbarer, dass es meine kleine Filterblase gibt, in die ich mich zurückziehen kann, wo ich weiß, dass es im Großen und Ganzen harmonisch zugeht. Schön, dass du ein Teil davon bist!

       
      • B.E. Thyke

        August 18, 2017 at 1:35 pm

        Es ist sinnvoller, die Themen die uns bewegen in unseren Geschichten zu verarbeiten. Da können sie Raum einnehmen.. Diskussionen auf Twitter mit Leuten, die deine Meinung eh nicht hören wollen, sind Zeitverschwendung.

        Mir passiert das zwar auch immer wieder, aber sobald ich merke, dass es mich zu sehr in Beschlag nimmt, stoppe ich die Diskussionen.

        Hier und da mal ein Statement, hier und da mal ein Retweet. Das genügt, finde ich. Die Leute aus der anderen Blase kann man eh nicht überzeugen.

        Ich bin damals zu Twitter, weil ich mich mit Autoren vernetzen wollte. Das ist und bleibt mein Nr.1 Anliegen 🙂 Sorgen wir dafür, dass Twitter ein schöner Ort bleibt

         
      • Nina C. Hasse

        August 18, 2017 at 1:38 pm

        Ich unterschreibe jedes einzelne Wort dieser Aussage! Danke dafür!

         
  4. Ryek Darkener

    August 18, 2017 at 3:14 pm

    Ich kann den Artikel vollkommen nachvollziehen. Du stellst das Wesentliche deiner positiven Einstellung auch klar dar, nämlich das es außerhalb dieser Blase eine „reale Welt“ gibt, die vollkommen anders tickt und mit der man auch klarkommen muss.

     
    • Nina C. Hasse

      August 18, 2017 at 3:24 pm

      Danke dir! Ich finde es wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Klar richtet man es sich in seiner Komfortzone schön bequem ein, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Das die eigene Realität eben nicht für alle gilt, darf nicht außer Acht gelassen werden.

       
  5. Frau Traumenit

    August 18, 2017 at 3:21 pm

    Als ich die Überschrift las dachte ich erst: „Naja, mal schauen, wo die Blase hinfliegt…“ Aber dann fand ich deine Ausführungen sehr gut ausformuliert! Interessant fand ich besonders den Aspekt „Die Blase der anderen“. Wenn wir von „besorgten Bürgern“ ausgehen, glaube ich dennoch, dass die sich wohl in ihrer Hassblase fühlen, weil ihre Meinungen bestätigt werden – aber (so wie du) denke ich, dass es die Menschen vergiftet, immer von Hass, Furcht und Zorn umgeben zu sein.
    Vielleicht sollte man solchen Menschen daher (statt Gegenargumente) Herzchen oder Blümchen-Emojis schicken – so wie digitale Glücksbärchistrahlen, die langsam auch das größte Steinherz erweichen. Aber vielleicht entstehen solche Gedanken auch nur, weil ich in meiner Kopfblase am Ende doch an das Gute glaube bzw. glauben möchte…

     
    • Nina C. Hasse

      August 18, 2017 at 3:38 pm

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Dass die „besorgten Bürger“ sich in ihrer Blase durchaus wohl fühlen, glaube ich auch. Eben weil sie dort Bestätigung erfahren. Aber wie du schon schreibst: Ich glaube auch nicht, dass jemand, der sich so sehr auf negative Aspekte und Hass konzentriert, wirklich glücklich sein oder werden kann. Ist auch interessant zu beobachten, dass wenn man mit ♡ auf Hasskommentare reagiert, das oft als Provokation verstanden wird. Damit scheinen viele nicht umgehen zu können …

       
      • Frau Traumenit

        August 18, 2017 at 7:06 pm

        Ist doch auch irgendwie traurig, bei einem Herz so zu reagieren… also hast du schon Erfahrungen damit gemacht, so mit Hasskommentaren umzugehen?

         
      • Nina C. Hasse

        August 18, 2017 at 9:20 pm

        Finde ich auch. Ich direkt nicht, aber ich habe gesehen, wie andere mit Herzchen reagiert haben – und welche Reaktionen sie zurückbekamen. Keine positiven, leider.

         

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