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Schöne Scheiße: Diagnose Brustkrebs – 2 Jahre danach

28 Okt

Obwohl mein Gedächtnis in den meisten Belangen durchlässig ist wie ein Sieb, erinnere ich mich an diesen Tag vor zwei Jahren, als wäre es erst gestern gewesen. Ich erinnere mich an die Sorglosigkeit, mit der ich in die Befundbesprechung gegangen bin („Was soll das schon sein? Brustkrebs – Quatsch!“), an die Betroffenheit der Ärztin und an meinen Schock, als das Unerwartete eintrat. Ich erinnere mich an das Gefühlschaos, in das mich die Diagnose stürzte und an all die Schreckenswörter, die fielen – OP, Chemotherapie, Bestrahlung, Antihormontherapie …). Das konnte doch nicht plötzlich ein Teil meines Lebens sein?

Heute, auf den Tag genau zwei Jahre später, denke ich nur noch selten an dieses Gespräch und an das, was folgte. Meine tägliche Tablette nehme ich ganz selbstverständlich, die Narben der OP sehe ich kaum noch.

Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, wie verhältnismäßig leicht ich durch die Behandlung kam. Eine Chemotherapie blieb mir erspart, zwei Tage nach der OP war ich wieder auf den Beinen und die tägliche Bestrahlung über einen Zeitraum von 6 Wochen war eher lästig als schlimm. Die Antihormontherapie ist nicht toll, aber welche Tabletteneinnahme ist das schon?

Ich weiß, dass ich verdammtes Glück hatte (mit der Art des Tumors und der frühzeitigen Erkennung) und immer noch habe, denn bisher – toi, toi, toi – kam nichts zurück. Ich weiß aber auch, das andere nicht so viel Glück haben. Viele Frauen, die ich durch die Krankheit kennengelernt habe, haben den Kampf verloren oder kämpfen ihn noch immer.

Nach der Diagnose ist in der Tat plötzlich jeder Tag ein Kampf, nicht immer nur gegen den Krebs, sondern auch gegen die Wut, die Traurigkeit, den Gedanken „Warum ich?“. Ich war zum Glück nie der Typ Mensch, der mit seinem Schicksal hadert, ich kann Dinge – egal, wie ätzend sie sein mögen – ganz gut annehmen und das tun, was getan werden muss. Trotzdem ist schwer, sich die Lebensfreude zu bewahren und die Angst über das „Was, wenn…“ nicht  die Oberhand gewinnen zu lassen. Das gelingt wohl jedem Betroffenen mal besser, mal schlechter.

Nach der Diagnose ist aber auch jeder Tag ein Geschenk. Zwangsweise muss man sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen und begreift plötzlich, dass es die kleinen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen. Und ich habe begriffen, dass ich allein für mein Leben verantwortlich bin. Ich habe mich selbstständig gemacht, mein erstes Buch endlich(!) veröffentlicht und reise genauso viel wie vor der Diagnose.

Was mir persönlich nach wie vor schwerfällt, ist Entspannung. Früher war das leichter, ich habe ein Buch aufgeschlagen, bin für einige Stunden in eine andere Welt abgetaucht und wenn ich wieder ins reale Leben zurückkehrte, fühlte ich mich erholt. Heute ist das nicht mehr so einfach, was aber vor allem daran liegt, dass ich schon beruflich viele Stunden am Tag lese und Texte bearbeite. Lesen macht mir immer noch viel Freude, aber der erholsame Effekt ist kaum mehr vorhanden – Berufskrankheit. Autoren und insbesondere Lektoren lesen anders.

Ich weiß aber, wie wichtig Entspannung ist, um seine Energiereserven wieder aufzutanken. Das wird wohl mein Neujahrvorsatz für 2017: bewusst entspannen (lernen).

Ich wünsche allen Betroffenen die Kraft, durchzuhalten. Und allen Angehörigen und Freunden die Geduld, mit uns umzugehen. Denn was eine solche Diagnose immer mit sich bringt: Wir funktionieren nicht mehr wie zuvor. Es ist nicht möglich, mit einer solchen Erkrankung konfrontiert zu werden und sich nicht zu verändern. Aber Veränderung beinhaltet auch immer eine Chance: auf einen liebevolleren Umgang mit sich selbst und anderen, auf die Verwirklichung der eigenen Träume und Wünsche und manchmal auch auf einen Start in ein neues Leben.

Alles Liebe
eure Nina

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11 Kommentare

Verfasst von - Oktober 28, 2016 in Begegnungen, Schreiben

 

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11 Antworten zu “Schöne Scheiße: Diagnose Brustkrebs – 2 Jahre danach

  1. Sarah

    Oktober 28, 2016 at 3:06 pm

    Ich drück dich!

     
  2. Nike Leonhard

    Oktober 28, 2016 at 3:46 pm

    Liebe Nina,
    was soll ich sagen, das nicht abgedroschen oder überheblich klingt?
    Ich kenne diese Zeiten totaler Erschöpfung und gefühlter Ausweglosigkeit. Die Angst, das Entsetzen, das schwarze Loch … Aber es gibt auch die andere Seite, die gute, helle. Sonne, Wärme und zur Not Schokolade. Versuch, aus solchen Momenten Kraft zu ziehen.
    Alles Liebe
    Nike

     
    • Nina C. Hasse

      Oktober 28, 2016 at 3:54 pm

      Liebe Nike,
      danke für die lieben Worte. Zum Glück geht es (meistens) irgendwie weiter! 🙂 Und Schokolade ist immer eine gute Idee!
      Ich drück dich! ❤

       
  3. Rita

    Oktober 28, 2016 at 5:46 pm

    Liebe Nina,
    das hast du ganz wunderbar ge- und beschrieben. Ich kenne es auch, mit dieser Diagnose konfrontiert zu werden. Der Tag der OP liegt bei mir am 3.11. genau 10 Jahre zurück! Ein Grund zum Feiern, wie eigentlich jeder Tag.
    Alles Liebe Rita

     
    • Nina C. Hasse

      Oktober 28, 2016 at 5:49 pm

      Liebe Rita,
      danke für deinen Kommentar. Oh ja, jeder Tag ist ein Grund zum Feiern, mit oder ohne Krankheit. Wir haben schließlich nur dieses eine Leben.
      Liebste Grüße
      Nina

       
  4. Andreas

    Oktober 29, 2016 at 7:43 am

    Liebe Nina,

    da sitzt man dann erst einmal hier und die Gedanken füllen den Raum zwischen den Ohren aus. Eines jedoch drängt nach vorn, dass die erkrankten scheinbar immer jünger werden. Mädels die mitten im Leben stehen, dieses zum Großteil noch vor sich haben. Sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen erfordert viel Kraft, mit einem Lächeln weitermachen, kommt einem wie ein unvorstellbarer Kraftakt vor.
    Als meine Mama vor 5 Jahren die Diagnose bekam, war ihre einizige Sorge, wie sage ich es den Kindern. Sie machen sich dann Sorgen. Behalte deine Frohnatur, lache viel und so oft es geht, dann sollte die tägliche Pille rein obligatorisch werden.

    Andi

     
    • Nina C. Hasse

      Oktober 29, 2016 at 3:33 pm

      Lieber Andi,
      vielen Dank für deinen Kommentar und die lieben Worte!
      Ja, die Betroffenen werden immer jünger, ich stelle das auch mit Schrecken fest. Die Sorge deiner Mama kann ich gut nachvollziehen, die gleichen Ängste hatte ich auch. Ich habe es dann noch etwa zwei Wochen für mich behalten, weil ich selbst erstmal ein paar Informationen brauchte und nicht bloß das Wort „Brustkrebs“ in den Raum stellen wollte, das mit so vielen Vorstellungen behaftet ist. Das war zum Glück genau richtig – auch wenn diese zwei Wochen echt nicht toll waren.
      Ich hoffe, deiner Mama geht es gut!
      Danke dir nochmal und liebe Grüße
      Nina

       
  5. chickinwhite

    Oktober 29, 2016 at 5:01 pm

    Hey, Nina
    Krebs ist ein fieses Monster, das im Geheimen lauert um dich aus dem Nichts heraus anzuspringen und dein Leben auf den Kopf zu stellen. Heimtückisch und gnadenlos unfair.
    Umso schöner ist es, zu hören, dass es dir gut geht und dich das fiese kleine Drecksmonster nicht klein gekriegt hat!
    Bei mir sind´s im Januar 4 Jahre.Und es geht mir gut. Manches wird nie mehr sein wie vor der Diagnose,der OP, der Chemo. Aber HEY! Es geht mir gut!
    Was du da schreibst, spricht mir sehr aus der Seele. Das meiste kann ich blind unterschreiben…

    „Wir funktionieren nicht mehr wie zuvor!“ Richtig.
    Den Satz sollte man in dicken Lettern aufschreiben und ab und zu der Welt vorhalten.

    Das macht das Leben aber nicht schlechter, in manchen Dingen sogar schöner, intensiver…
    Also lass es uns genießen. Denn trotz mancher Phasen –
    Das Leben ist schön!!
    😉

     
    • Nina C. Hasse

      Oktober 29, 2016 at 7:03 pm

      Huhu und lieben Dank für deinen Kommentar! Du hast ja so recht! Dass es uns (meistens) gut geht, wir uns nicht unterkriegen lassen und wir das Leben genießen können, sind so wichtige Dinge. Das Leben ist tatsächlich schön, das muss man sich manchmal besonders vor Augen führen.
      Liebste Grüße!

       
  6. jemand

    Februar 4, 2017 at 12:27 pm

    Hallo 🙂 meine Operation war am 25.9.14, 10 Tage vorher war mein Mann gestorben und mein Sohn war 6 Jahre alt. Ich weiß nicht, wie ich durchgekommen bin. Es war aber „nur“ Bestrahlung nötig; hat mir aber gereicht. Und ich bin und bleibe noch da.
    Alles Liebe und Gute für dich! 🙂

     
    • Nina C. Hasse

      Februar 4, 2017 at 12:37 pm

      Wow – das ist harter Tobak und danke dir für das Teilen dieser Geschichte deines Lebens. Ich wünsche dir alles Gute für dich und deinen Sohn! 💕

       

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