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Ich habe es so satt …

28 Jul

In den letzten Tagen und Wochen habe ich mich mal wieder aufgeregt – und ich rege mich immer noch auf. Ich bin auch nicht sicher, ob mein Blog der richtige Ort ist, um meinem Ärger Luft zu machen, denn zu einem gewissen Grad tue ich ja hier genau das, was ich im Folgenden anprangern werde. Dennoch fühle ich mich bemüßigt, diesen Artikel zu schreiben. Ich werde später erläutern, warum.

Sicherlich ist die Meinungsfreiheit eine tolle Sache. Sie bedeutet aber nicht, dass jeder ungefiltert jeden Hirnfurz von sich geben muss. Wird Widerstand laut, kommt meistens so etwas wie „Ist halt meine Meinung.“ Ja, schön. Aber die ist halt kacke – das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Egal, ob es um die Ehe für alle geht („Die Ehe ist eine heilige Verbindung zwischen Mann und Frau, Homosexuelle können schließlich keine Kinder bekommen“), die mittlerweile rezeptfreie „Pille danach“ („Jetzt können die jungen Dinger rumvögeln wie sie wollen, der Umgang mit Verhütungsmitteln wird immer sorgloser“) oder um – ganz großes Thema momentan – Asylanten. Hier fällt es mir schwer, aus den ganzen blödsinnigen Kommentaren auszuwählen, die ich dazu lesen musste. „Und was ist mit den deutschen … (hier wahlweise einsetzen: Kindern, Rentnern, Familien, Hartz-4-Empfängern/Obdachlosen, etc. pp.)? Erstmal sollen DIE sich um ihr eigenes/ihre eigenen Volk/Land/Probleme/Leute kümmern, bevor Milliarden UNSERER Steuergelder an diese Schmarotzer verschwendet werden, die ja sowieso alles in den Arsch geschoben bekommen (5-Sterne Hotel, neuestes Smartphone, 3000€ Begrüßungsgeld – ja ne, ist klar).“

Ekelhaft.

Wer sind überhaupt DIE, die sich um UNSER Land kümmern sollen? Die Parteien, die Politiker, die, die das Sagen haben in diesem Land? Verdammt, tut doch selber etwas, damit es den Leuten hier besser geht! Engagiert euch ehrenamtlich, in der Suppenküche, bei den Tafeln oder meinetwegen auch im Tierschutz. Bietet Nachbarschaftshilfe an. Was auch immer.

Aber adressiert eure Beschwerden nicht an diejenigen, die erstens überhaupt nichts dafür und zweitens nichts ausrichten können.

Denn was genau unterscheidet uns von jenen, die (aus welchen Gründen auch immer) hierher kommen? Lediglich unsere verdammte privilegierte Herkunft. Das ist alles. Mit welchem Recht nehmen wir uns heraus, im Luxus zu leben und andere ins Elend zurückschicken zu wollen? Was haben WIR dafür geleistet, hier geboren zu sein? Gar nichts. Reines Glück, mehr nicht. Ein toller Grund, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, nicht wahr? „Besser“ zu sein als andere, ohne eine eigene Leistung erbringen zu müssen, ist schon was Feines, was?

Manche Leute scheinen echt die eigenen Felle davonschwimmen zu sehen, während sie abends in ihrer muckelig warmen Wohnung auf dem Kuschelsofa sitzen, sich mit Tiefkühlpizza vollstopfen und sich vom 50 Zoll Flatscreen berieseln lassen. Ich weiß, ich überspitze, aber ganz im Ernst? Uns geht es doch gut. Und glaubt mir, ich muss auch jeden Cent eher drei- als zweimal umdrehen und bin froh, wenn am Ende des Monats überhaupt noch ein paar Euro auf dem Konto sind. Aber dafür sind doch nicht andere Leute verantwortlich, denen es noch schlechter geht.

Was in Dresden, Freital, in zahlreichen anderen deutschen Städten und im Netz derzeit abgeht, ist unter aller Sau. Das ist nicht das Deutschland, in dem ich leben möchte. Und genau deshalb habe ich mich dazu entschlossen, diesen Blogpost zu schreiben. Weil ich nicht stillschweigend akzeptieren werde, wozu da aufgerufen wird.

Wenn mein bald 80-jähriger Opa über die Nachrichten nur noch bedrückt den Kopf schüttelt und sagt: „Es passiert schon wieder. Die Leute haben nichts gelernt“, dann ist das für mich ein Alarmsignal. Die meisten von den Stammtischparolendreschern haben in ihrem Leben Gott sei Dank nicht das Elend eines Krieges erleben müssen – ich ebenso wenig. Aber meine Vorstellungskraft reicht aus, um zu wissen, dass man seine Heimat nicht „einfach mal so“ verlässt und eine gefährliche Reise in ein Land auf sich nimmt, dessen Sprache man nicht spricht, weil es hier ja so schön sein soll.

Ich habe es so satt, jeden Tag diese Hetze zu lesen, ich kann es gar nicht sagen. Egal, ob es dabei gegen Andersgläubige, Ausländer, Homosexuelle, Freigeister, Hartz-4-Empfänger, Frauen, Männer oder Veganer geht. Lasst die Leute doch einfach in Ruhe ihr Leben leben. Es zwingt euch niemand, es ihnen gleich zu tun! Und niemand nimmt euch irgendetwas weg! Was geht es euch verdammt noch mal an, wenn eine 16-jährige sich in der Apotheke die „Pille danach“ besorgt? Was geht es euch an, wenn euer Nachbar einen Mann liebt und diesen heiraten möchte? Was gehen euch die Gründe an, aus denen Menschen in dieses Land kommen? Was?

Ich habe diese Menschen satt, die ihre Unzufriedenheit, Arroganz und unendliche Dummheit in die Welt hinausposaunen müssen. Herrgott, wir alle sind menschlich – sollten es jedenfalls sein.

Kehrt vor eurer eigenen Haustür und wenn ihr nichts Nettes zu sagen habt, verschont alle übrigen mit euren ätzenden Tiraden.

Es reicht nämlich. Wirklich.

Und wer meint, mich nun als „Gutmensch“ betiteln zu müssen: DANKE für das Kompliment.

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10 Kommentare

Verfasst von - Juli 28, 2015 in Begegnungen

 

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10 Antworten zu “Ich habe es so satt …

  1. Bettina´s Welt

    Juli 28, 2015 at 9:30 pm

    Hat dies auf Bettina´s Welt rebloggt.

     
  2. Carmilla DeWinter

    Juli 28, 2015 at 10:16 pm

    Sehr wahre Worte.
    Fun fact: Ich bin Apothekerin. Wer bei mir Pille danach kauft, ist tendenziell über zwanzig und in einer festen Beziehung. So viel zu den „jungen Dingern“.

     
    • Nina C. Hasse

      Juli 28, 2015 at 10:50 pm

      Genau, Carmilla! Das kommt noch hinzu. Es werden neu dieser Thematik den jungen Mädchen einfach Dinge unterstellt, die so überhaupt nicht stimmen. Zumal die meisten Jugendlichen heute aufgeklärter sind denn je und sicherlich nicht sorglos mit dem Thema umgehen.

       
  3. Ulrike

    Juli 29, 2015 at 6:08 am

    Man muss nicht jeden „Hirnfurz von sich geben“: Richtig! Aber man muss auch nicht jeden „Hirnfurz“ lesen. Und schon gar nicht sich darüber aufregen. Das macht krank! Beispiel: Die „Pille danach“ ist nicht mein Thema, also denke ich nicht darüber nach. lese solche Meldungen und Kommentare nicht und rege mich nicht drüber auf.
    Wo es nötig ist (offener Rassismus im täglichen Leben zum beispiel) sag ich offen meine Meinung und schreite auch schon mal ein. Aber sonst? Nicht meine Baustelle – also reg ich mich nicht auf.

    Ich wünsche Dir mehr Gelassenheit. Du hast ja recht, aber es bringt nichts,
    LG
    Ulrike

     
    • Nina C. Hasse

      Juli 29, 2015 at 11:42 am

      Hallo Ulrike,
      vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂 Ich bin eigentlich ein sehr gelassener Mensch, bevor ich wütend werde und meinem Unmut Luft mache, muss schon viel passieren.
      Die meisten Kommentare zu den meisten Themen lese ich gar nicht. Mich interessiert der Grundtenor in diesem Land, der in den letzten Jahren leider immer wütender geworden ist. Und das zu ignorieren, liegt mir nicht. Es ändert nichts, das ist mir bewusst. Aber es hilft mir zu reflektieren, in was für einen Land ich lebe – und in was für einem Land ich leben möchte.
      Liebe Grüße
      Nina

       
  4. Katharina Renzi

    Juli 30, 2015 at 7:41 am

    Liebe Nina,
    generell kann ich deinen Unmut gut verstehen und versuche gerade selbst, in einer mir eigentlich lieben öffentlichen Einrichtung gegen dumme Vorurteile von eigentlichen klugen Menschen anzugehen. Aber auch Ulrike hat recht: Wenn du dir alles Negative zu Herzen nimmst und vor allem generalisierst, kann es krankmachen.

    Vielleicht eine kleine „Erste-Hilfe“ dagegen: Schau dir ganz genau wissenschaftliche Theorien an. Damit ist das Problem zwar nicht behoben, aber die Diversitäts- und Stereotypenforschung erklärt genau, wie es zu bestimmten Phänomenen kommt. Reiner Mausfeld hat z.B. in seiner Vorlesung (Das Schweigen der Lämmer, auf youtube abrufbar) schon sehr zeitig angesetzt: Wie kommt es überhaupt zu einer „Illusion der Demokratie“ und zu einer gewollten „Politiklethargie“, in der dann natürlich die schönsten Vorurteile blühen? Diese Theorien helfen dir aber auch, deine eigenen Pauschalisierungen zu verstehen („in so einem Land lebe ich“ – analog: Alle Professoren sind…, alle Deutschen sind… etc – da gibt es gute Theorien aus der Sozialpsychologie). Plus: Welches Land bietet wirklich in jedem Bereich hundertprozentige Paradiesgarantien?

    Das zweite: Es gibt viele hilfreiche Menschen, die Flüchtlingen kostenlos Sprachunterricht geben, die Flüchtlinge kostenlos ärztlich behandeln, auf „Zeit-online“ kann man Buddy-Partnerschaften zur Hilfe auf Ämtern eingehen oder es gibt Menschen, die Flüchtlinge bei sich wohnen lassen. Außerdem: Beispiel Dresden: Vielen Dresdnern sind diese Pegida-Aufmärsche auch nicht recht.
    Wolfgang Donsbach von der TU Dresden hat gut erklärt, woher diese Erscheinungen kommen und wie sie zu bewerten sind.

    Also wie gesagt: Wissenschaft und ein verstärktes Augenmerk auf die vielen guten Initiativen kann gegen Frust helfen 🙂 Wenn du selbst hilflos bist, dann biete selbst deine Hilfe an – die Ämter sind völlig überfordert mit dem Zustrom…
    Mach eine kleine Geschenksammlung in der Nachbarschaft für die Kinder der Flüchtlinge etc., dann fühlst du dich bestimmt besser.

    Liebe Grüße
    Katharina

     
    • Nina C. Hasse

      Juli 31, 2015 at 11:49 am

      Hallo Katharina,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Auch wenn ich den Text so formuiert habe, dass es aussehen mag, als würde ich mich den ganzen Tag darüber aufregen und mir die Dinge sehr zu Herzen nehmen: Dem ist nicht so. Ich bin ganz und gar nicht gefrustet. Ich tue, was mir derzeit möglich ist, um mich zu engagieren.
      Mir ist auch klar, dass ein so simpler Text auf einem winzigen Blog wie meinem niemanden umstimmen wird, keine solchen Kommentare mehr ins Netz zu stellen.
      Aber manchmal möchte ich nicht schweigen. Denn zu oft ist schweigen einfach auch schliches Hinnehmen.
      Herzliche Grüße
      Nina

       
  5. Katharina Renzi

    Juli 30, 2015 at 8:12 am

    Ach so, PS zu meinem letzten Vorschlag: Eine Bekannte von mir hat das beispielsweise gemacht: Sie hat gestaunt, wie schnell eigentliche Flüchtlingsgegnerinnen dann Spielzeug zusammengesammelt haben „Oh, damit spielt meine Nele eigentlich auch nicht mehr…“ – was ja auch heißt, das Menschen gern mit einbezogen werden in bestimmte Entscheidungen, weil es dann für sie leichter ist, angstmachende Konstrukte zu verarbeiten…
    Na ja, ein weites Feld 😉

     
    • Nina C. Hasse

      Juli 31, 2015 at 12:00 pm

      Das ist ein schönes Beispiel! Es ist doch etwas anderes, im wahren Leben „schlecht“ zu sein. Ich glaube, das der Großteil derer, die Stammtischparolen von sich geben, ganz anders reagieren würden, wenn sie mit Menschen und nicht bloß mit Nachrichten konfrontiert würden. Und das ist ja auch kein schlechter Gedanke.

       
  6. Katharina Renzi

    August 1, 2015 at 9:42 am

    Ich kann dich gut verstehen. Diese Woche wurde mir auch so eine „Meinung“ entgegengeschleudert: von einem Professor! Da haben mir meine Theorien auch nichts mehr genützt;-)

     

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