RSS

Schluss mit #gauchogate!

17 Jul

Nein, eigentlich wollte ich nichts zur WM schreiben. Wer mit mir auf Facebook befreundet ist, mir bei Twitter oder Instagram folgt, hat meine Stimmung zur WM zur Genüge mitbekommen. Nun äußere ich mich aber doch auch auf meinem Blog, denn durch die Wellen, die die sogenannte „Gaucho-Affäre“ (was für eine scheußliche Wortschöpfung!) derzeit im Netz schlägt, fühle ich mich fast dazu genötigt.

Zum einen ist es eine Schande, dass einige (deutsche!) Medien, kaum dass die Weltmeisterschaft gewonnen wurde, auf unsere sympathische, respektvolle und faire Mannschaft eindreschen, als wären sie im Stechschritt am Brandenburger Tor vorbeimarschiert und hätten voller Inbrunst den Hitlergruß vollführt. DAS ist respektlos, auf Deubel komm raus etwas finden zu wollen, das möglichst viele Klicks generiert und eine Empörungswelle lostritt – sei es in die eine oder andere Richtung. Es ist ja zum Glück so, dass der Großteil der Netzreaktionen dieses Spektakel als das erkennen, was es ist: überzogen, aufgebauscht und absolut unnötig. Trotzdem ist es – ich formuliere mal vorsichtig – unschön, dass gerade vielgelesene Medien wie SpiegelOnline oder die FAZ in diese Kerbe schlagen.

Da ich mich beruflich tagtäglich mit der deutschen Sprache beschäftige und Wortwahl auf ihre Angemessenheit überprüfe, kann ich über einige Formulierungen nur den Kopf schütteln. „Nationalmannschaft verhöhnt Argentinier“ (SpiegelOnline), „üble Persiflage“ (FAZ), „geschmacklos, Riesentrottel“ (Tagesspiegel) und mein absoluter Liebling: „kriegerische Überhöhung des eigenen Selbst“ (taz).

Diese Kommentare empfinde ich als Respektlosigkeit, nicht das Tänzchen einiger Nationalspieler. Es scheint in unserer Gesellschaft mittlerweile Usus zu sein, sich als moralische Instanz aufzuspielen und andere zu verurteilen. Dass eine solche Nichtigkeit eines uralten Fangesangs da solche Wogen schlägt, war wohl für niemanden abzusehen, ist jedoch eigentlich nur eine logische Konsequenz. Und auch wenn ich jetzt ein Klischee bemühe, das eigentlich längst überholt sein sollte: Das ist typisch deutsch. Wie oft habe ich mich bereits während der WM geärgert, dass die Leistung der Nationalmannschaft grundsätzlich schlechtgeredet wurde.Wie kann man nach einem 7:1-Sieg gegen die Brasilianer rumnörgeln, dass Özil nicht noch das achte Tor geschossen hat? Unbegreiflich. Und ja, ich glaube, das ist wirklich typisch deutsch. Bezeichnenderweise regt sich im Ausland (auch in Argentinien) niemand darüber auf – im Gegenteil, die argentinische Nationalmannschaft wird das sicherlich als sportlichen Ansporn nehmen für das Freundschaftsspiel im September.

Nein, ich bin kein Fußballfan. Ich bin eine von diesen elenden WM- und EM-Guckerinnen; einer Championsleague oder der Bundesliga kann ich nichts abgewinnen. Ich genieße aber durchaus die Atmosphäre einer Weltmeisterschaft (zuhause auf dem Sofa, auch ohne Alkohol) und habe jedes Spiel der K.O.-Runde verfolgt. Ich finde es daher sehr schade, dass jeder Erfolg kleingeredet und sogar skandalisiert wird. Und noch trauriger ist, dass eine spannende Weltmeisterschaft, bei der Deutschland nach 24 Jahren wieder einen Titel nach Hause holt, nun mit einem faden Beigeschmack zu Ende geht, der nicht durch einen dreißigsekündigen Tanz einiger Nationalspieler, sondern durch die Skandalisierung einer Nichtigkeit der heimischen Presse hervorgerufen wurde.

Zu guter Letzt: Die Bezeichnung „Gaucho“ als rassistisches Schimpfwort zu deklarieren, ist den Argentiniern gegenüber respektloser als es jedes Tänzchen sein könnte. Man stelle sich vor, die USA hätten im WM-Finale gegen Deutschland verloren und der Songtext hätte gelautet: „So gehen die Cowboys, die Cowboys gehen so.“ Wäre das auch nur eine einzige Schlagzeile wert gewesen?

Advertisements
 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - Juli 17, 2014 in Begegnungen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: