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Kleine Fische gegen den großen Strom?

29 Mai

Die Doppelmoral gegenüber Amazon

Seit einigen Wochen häufen sich – mal wieder – die Anschuldigungen gegen Amazon, da der Internetriese wohl bei zahlreichen Büchern angibt, sie nicht auf Lager zu haben und mit den längeren Lieferzeiten die Verlage erpresst, die Bücher zu besseren Konditionen einkaufen zu können. Von „brutaler Erpressung“ (Frankfurter Rundschau) ist die Rede, von „Geiselnahme bekannter Autoren“ (FAZ), von „totalitärer E-Welt“ (FAZ). Alle regen sich auf – und angeblich kauft keiner dort, wenn man den Kommentaren in den sozialen Netzwerken glauben darf. Die Frage ist nur: Wer hat Amazon dann so groß gemacht, wenn dort niemand kauft?

Ich gebe zu: Ich habe einen Kindle, finde die Rezensionen praktisch und kaufe gerne bei Amazon. Ja, auch Bücher. Vor allem, weil Amazon ein Sortiment bietet, das es im stationären Buchhandel nicht gibt. Der „stationäre Buchhandel“ ist auch so ein Punkt, der in den Kommentaren immer wieder hervorgehoben wird: „Ich kaufe meine Bücher NUR in der örtlichen Buchhandlung.“ Und wenn man dann mal genauer nachfragt, stellt sich heraus, dass die „örtliche Buchhandlung“, die sich so sehr nach gemütlichem kleinen Ecklädchen anhört, (nicht immer, aber meistens) zu einer großen Buchhandelskette gehört. Thalia, Meyersche, Hugendubel… Glaubt ihr ernsthaft, diese Buchhandlungen würden auf andere Methoden zurückgreifen? Nicht Amazon hat die kleinen Buchläden aus den Innenstädten verdrängt. Für das „Thaliabuch des Monats“ und die Positionierung auf den Tischen im Eingangsbereich muss ein Verlag tief in die Tasche greifen. Auch Thalia fordert hohe Rabatte beim Einkauf von den Verlagen (nachzulesen in dem Artikel „Das Thalia-Prinzip: Ködern und kassieren“ in der FAZ vom 11.10.2010). Darüber regt sich kaum einer auf, ist ja schließlich nicht Amazon.

Niemand zwingt euch, liebe Verlage, die Bücher bei Amazon anzubieten. Erpressbar ist nur, wer sich erpressen lässt. Dann seid konsequent und macht da nicht mit. Ich weiß, wegen des Kartellgesetzes dürft ihr euch nicht zusammenschließen, aber ihr verstoßt nicht gegen Gesetze, wenn ihr geschlossen sagt: „Mit uns nicht, dann liefern wir unsere Bücher halt nicht mehr über Amazon aus.“ Was hindert euch daran, andere Wege zu gehen? Fehlende Sichtbarkeit – vielleicht. Umsatzeinbußen – okay. Aber glaubt ihr wirklich, dass es durch offenkundiges Gejammere besser wird? Ihr seid doch nicht hilflos, viele von euch gab es auch schon vor Amazon. Habt ihr die Entwicklung verschlafen, die Amazon für sich zu nutzen wusste? Tut etwas, werdet aktiv, verschließt euch nicht den Entwicklungen, die das Internetzeitalter mit sich bringt, sondern nutzt sie für euch und eure Zwecke! Was Amazon kann, könnt ihr doch schließlich auch – oder etwa nicht?

Solange die Bücher aus dem AmazonPublishing-Verlag vom Buchhandel konsequent ignoriert, Selfpublisher (sowohl von Verlagen als auch von Buchhandlungen) höchst stiefmütterlich behandelt werden und Amazon nicht bloß als Konkurrent, sondern als übermächtiger Feind angesehen wird, wird sich jedoch nichts ändern.

Ich sage nicht, dass gut ist, was Amazon macht. Ich finde nur die einseitige Darstellung unerträglich. Wir leben in einer Marktwirtschaft, solche Methoden sind üblich. Moralisch? Sicher nicht. Aber Moral hat in der Wirtschaft (leider) nichts zu suchen, hatte es auch nie. Weder Amazon noch Buchhandelsketten oder Verlage sind Wohltätigkeitsvereine, sondern erfolgs- und gewinnorientierte Unternehmen, die nichts zu verschenken haben und sich in ihren Methoden wohl auch nichts nehmen. Auch das muss man nicht gutheißen, ein wenig mehr Moral und ein bisschen weniger Doppelmoral täten den meisten Betrieben sicherlich ganz gut.

Und eigentlich kann mir niemand erzähen, dass der Kunde so dämlich ist, ein Buch nur deshalb nicht zu kaufen, weil es bei Amazon nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt erhältlich ist. Dann kauft er eben woanders, in einer „örtlichen“ Buchhandlung…

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3 Kommentare

Verfasst von - Mai 29, 2014 in Bücher

 

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3 Antworten zu “Kleine Fische gegen den großen Strom?

  1. Tinka Beere

    Mai 29, 2014 at 6:21 pm

    Hat dies auf Tinka Beere rebloggt und kommentierte:
    Ich lasse den Informationsrausch gerne an mir vorbeiziehen und bekomme nur am Rande mit, was so passiert. Nachrichten stressen mich einfach zu sehr, ich habe da keine Lust drauf… Trotzdem finde ich diesen Artikel sehr gelungen: Recht hat sie, meiner Meinung nach.

     

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