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Leseprobe aus „Der Traum vom Fliegen“

16 Feb
© Matthew Benoit - Fotolia.com

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Kurzbeschreibung

Eigentlich wollen Remy Lafayette und Detective Madeline Vezér einen vergnüglichen Nachmittag in Barry Bartleby’s Kabinett der Wunderlichkeiten und Kuriositäten erleben, doch dann geschieht ein Unglück: Eine Artistin stürzt während ihres Auftritts ab und stirbt. Ein Unfall – oder nicht?
Bei ihren Ermittlungen in der Zirkustruppe stoßen die beiden auf zahlreiche Ungereimtheiten und einen Gegner, der ihre Nachforschungen mit allen Mitteln verhindern will …

Manhattan, 17. Mai 1891

»Barry Bartleby’s Kabinett der Wunderlichkeiten und Kuriositäten? Was ist denn das für ein blöder Name?« Remy Lafayette betrachtete die Aufschrift an dem großen, hell verputzten Gebäude. »Detective Vezér, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Seit wann gehst du gerne in den Zirkus?«

Es sah Madeline gar nicht ähnlich, ein solches Etablissement aufzusuchen. Dienstlich vielleicht, wenn es gar nicht anders ging. Aber privat? Und noch dazu freiwillig? »Die großartigste Show der Welt«, las er vor. »Also, an Selbstbewusstsein scheint es dem Betreiber jedenfalls nicht zu mangeln.«

»Nun sei doch nicht so ein Griesgram.« Madeline grinste. »Es wird bestimmt lustig!«

Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr. »Aber ich muss arbeiten. Im Gegensatz zu dir muss ich mich nämlich mit zwei Jobs herumschlagen.«

Um ihre Mundwinkel herum zuckte es. Er wusste genau, was sie sagen wollte: Warum hängst du dein Büro nicht an den Nagel und steigst beim New York City Police Department ein? Warum hältst du an diesem muffigen kleinen Raum fest, in dem dich doch kaum Kunden aufsuchen? Manchmal wusste er es selbst nicht. Die Polizei bezahlte ihn als beratenden Gesichtsanalytiker nicht schlecht. Und doch wollte er seine Selbständigkeit – die wesentlich weniger abwarf – nicht aufgeben. Er würde den Umgang mit seinen Kunden vermissen, die alltäglichen Fragen, die sich weniger um Mord und Totschlag, denn um Liebesdinge und Erfolgsaussichten drehten. Er seufzte. »Also Barry Bartleby’s Kabinett der Wunderlichkeiten und Kuriositäten, ja? Wieso nimmst du nicht Antoni mit? Dein Gatte ist diesem Brimborium sicherlich nicht abgeneigt. Vielleicht findet er hier Inspiration für sein nächstes Bild?«

»Wenn Antoni könnte, würde ich dich nicht mitnehmen. Kommst du nun?« Ihre dunkelbraunen Augen leuchteten begeistert, fast wie die eines Kindes.

Lafayette lächelte. Einen freien Nachmittag konnte er sich wohl gönnen. »Wenn es dich glücklich macht, Detective.« Er bot Madeline seinen Arm an. Sie strahlte, als er sie zum Eingang führte.

Obwohl sie bereits ihre Eintrittskarten hatten, dauerte es ewig, bis sie ans Kassenhäuschen kamen – was Lafayettes Laune nicht gerade zuträglich war. Madeline wurde von den anstehenden Gästen angestarrt. Nicht nur ihre unschickliche Kleidung – Reithosen und eine schwarz-braun gestreifte Bluse – sondern auch ihre dunkle Haut, die ihre afrikanische Abstammung nicht verleugnen ließ, sorgten unter den Leuten für Verunsicherung. Doch für Madeline war das nichts Neues. Meistens wurden die Blicke noch ungläubiger, wenn sie ihren Dienstrang nannte.

Die Dame, die im Kassenhäuschen hinter einer Glasscheibe saß, hatte schockierend kurze blonde Locken und zeigte ein solch prächtiges Dekolleté, dass Lafayette sich einen zweiten Blick nicht verkneifen konnte. Sie war jung, höchstens Mitte zwanzig, trug aber den sauertöpfischen Gesichtsausdruck einer alten Jungfer zur Schau.

»Zweimal?«, fragte sie gelangweilt, ohne ihn und Madeline anzusehen.

»Wir haben bereits Karten«, sagte Madeline und reichte sie ihr durch einen Schlitz unter der Glasscheibe hindurch. Ohne einen Blick auf die Karten zu werfen, riss die junge Frau eine Ecke ab und reichte sie ihnen zurück. »Freie Platzwahl«, sagte sie noch und winkte bereits die Nächsten aus der Schlange heran.

»Das hätten wir auch gerade so selbst geschafft«, raunte Lafayette Madeline zu, als sie auf den Eingang zugingen, der von einem schweren Samtvorhang verdeckt war. »Wenn hier alle so gut gelaunt sind wie die Empfangsdame, dann wird das ja ein Mordsvergnügen.«

Madeline knuffte ihn unsanft in die Seite. »Freu dich lieber, dass ich so gütig war, dich mitzunehmen. So kommst du wenigstens mal aus der mickrigen Abstellkammer raus, die du Büro nennst.«

Er seufzte, nickte aber. Es hatte keinen Sinn mit Madeline zu streiten: Sie hatte ja doch meistens recht.

Als er den Vorhang beiseite schob und Madeline den Vortritt ließ, stieg ihm schon der Geruch in die Nase. Es roch nach Schweiß und ungewaschener Haut, nach staubigem Stroh und schlechter Belüftung. Genau so, wie man es von einem Zirkus respektive einem Kuriositätenkabinett erwartete.

Lafayette hatte mit vielem gerechnet – einem halb verrotteten Zelt, einer zerfallenen Ruine, einem Sandplatz unter freiem Himmel – jedoch nicht mit dem, was er nun zu sehen bekam. Dieses Gebäude machte dem hochherrschaftlichsten Anwesen Konkurrenz. Nicht unbedingt durch seine Eleganz, sondern durch seine schiere Größe. Sie waren zwar im Erdgeschoss in das Gebäude hineingegangen, doch nun wirkte es, als ständen sie im dritten, wenn nicht gar vierten Stock. Ungläubig blinzelnd trat er an die Balustrade. Die Mitte des gigantischen Saals war ein Rondell, dessen Boden mit Sand bedeckt war. Sowohl unter als auch über ihm erstreckten sich endlose Reihen von Sitzplätzen, einige davon besetzt von aufgeregt schwatzenden Besuchern, die auf die nächste Vorstellung warteten. Marmorsäulen, aufwendig verziert mit geflügelten Gestalten, filigranen Tänzerinnen und verschiedenen Tieren, trennten die einzelnen Logen voneinander, die jeweils etwa zwanzig Leute fassten. Das Erstaunlichste aber war die kolossale Glaskuppel. Sie erinnerte mit ihren bunten Mosaiken eher an ein Kirchenfenster als an einen Zirkus. Lafayette legte den Kopf in den Nacken und blinzelte der Maisonne entgegen, die sich in den Glasstücken brach und ihre Strahlen in farbigen Kaskaden in die Halle fallen ließ. Über der Manege war in schwindelerregender Höhe ein Würfel angebracht. Beinahe sah es aus, als schwebe er; erst auf den zweiten Blick wurde die gewagte Stahlkonstruktion sichtbar, die den Würfel inmitten der Kuppel hielt. An der Außenseite befand sich eine Uhr, deren Größe Lafayette nicht zu schätzen vermochte. Sie wirkte wie eine alte Bahnhofsuhr, die mit bunten Glassteinen und falschen Kristallen aufgehübscht worden war. Er vermutete, dass in dem Würfel vier Ziffernblätter angebracht waren, die es möglich machten, die Uhrzeit von jedem Platz im Saal aus sehen zu können. Er musste sich eingestehen, dass allein diese Pracht den Besuch wert gewesen war.

»Was willst du dir ansehen?«, fragte Madeline, die sich nicht so leicht beeindrucken ließ und ein Programm studierte, das an einer Säule hing. »Wir können hier bleiben und uns die Vorstellung ansehen oder die verschiedenen Räume erkunden. Eher Zirkus oder Kuriositätenkabinett? Was meinst du?«

»Kommt darauf an«, sagte Lafayette und blickte ihr über die Schulter. In überschwänglichen Worten beschrieb das Blatt die unterschiedlichsten Attraktionen: Von Riesenschlangen und Zwergmenschen, Meerjungfrauen und Wüstenskorpionen, über Feuerschlucker und Messerwerfer bis hin zu Wahrsagerinnen und dem schwersten Mann der Welt war alles vertreten, was das Schaulustigenherz sich nur wünschen konnte.

Er warf einen Blick auf die riesige Uhr, das Sonnenlicht schien ihm durch die bunten Glassteine hindurch zuzuzwinkern. »Gleich beginnt die nächste Vorstellung. Was hältst du davon, wenn wir uns zunächst gemütlich hinsetzen, eine Tasse Tee trinken –«, er bemerkte ihren skeptischen Blick, »oder Kaffee? Und das Kabinett später erkunden?«

Madeline nickte lächelnd und mit einer übertriebenen Verbeugung geleitete Lafayette sie zu ihren Plätzen.

… weiterlesen in der Anthologie Das Tattoo

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Ein Kommentar

Verfasst von - Februar 16, 2014 in Antholadies, Kurzgeschichten, Steampunk

 

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Eine Antwort zu “Leseprobe aus „Der Traum vom Fliegen“

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