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Ich bin wohl sauer. Und das ist auch gut so.

14 Feb

Ich weiß, dass hier ist eigentlich ein Blog, auf dem ich mich zu meiner schriftstellerischen Tätigkeit äußere. Normalerweise belasse ich es dabei und halte mich aus dem Zeitgeschehen raus, aber heute ist mir die Hutschnur geplatzt. Grund dafür war der Artikel eines gewissen Herrn Mattusek, der vor zwei Tagen in der Zeitung „Die Welt“ erschien. „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so“, schreibt Mattusek dort. Nein, ist es nicht. Dafür gibt es nämlich keinerlei Grund. Außerdem scheint er zu vergessen, woher der Wortteil „phob“ kommt: nämlich vom Namen des griechischen Gottes Phobos, der seinen Feinden große Angst einjagte. Daher auch das Wort „Phobie“. Ich habe panische Angst vor (großen) Spinnen (Arachnophobie). Völlig irrational, ich weiß – wobei ich sicherlich jede Menge Leidensgenossen habe. Würden Herr Mattusek (und die knapp 200.000 Unterstützer einer „Petition gegen den Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens, die ich hier aus Gewissensgründen nicht verlinke) nun von sich behaupten, sie hätten Angst vor Schwulen? Wohl kaum.

Und doch scheint es die Angst zu sein, die sie leitet und dazu bringt, Äußerungen von sich zu geben wie „Wer nicht begeistert über Schwule spricht, ist gleich ein Schwulenhasser“ (Mattusek, Welt online, 12.02.2014). So ein Unsinn. Niemand verlangt, dass irgendjemand begeistert über Homosexuelle sprechen muss. Niemand. Ein „Jeder so wie er möchte“ oder „Ist mir egal, solange sie glücklich sind“ würde schon vollkommen ausreichend. Oder – um den Kabarettisten Dieter Nuhr zu zitieren – „einfach mal Fresse halten“.

Ich verstehe weder die Aufregung über den Baden-Württembergischen Bildungsplan, noch über die Gleichstellung einer homosexuellen mit einer heterosexuellen Ehe. Überhaupt sollte es eine größere Wertschätzung und Entlastungen gegenüber der Familie (ja, auch einer Familie mit gleichgeschlechtlichen Eltern!) geben, nicht gegenüber der Institution Ehe – aber das ist ein anderes Thema. Der Baden-Württembergische Bildungsplan sieht doch nicht vor, Kindern irgendwelche sexuellen Praktiken „beizubringen“ oder sie sogar zur Homosexualität umzuerziehen. Wer das glaubt, kann seiner Schulpflicht wohl kaum nachgekommen sein … Oder wurde euch in der Schule Unterricht gegeben, in der ihr den Unterschied zwischen „Missionarsstellung“, Reiterstellung“ oder „Doggy-Style“ gelernt habt? Natürlich nicht. Es geht lediglich darum, dass dieses „Mann-Frau-Ding“ nicht die einzige lebenswerte Form einer Beziehung ist. Völlig wertneutral, nicht mehr und nicht weniger. Warum sind gewisse Leute nicht in der Lage, zwischen Liebe und Sex zu unterscheiden? Natürlich gehört es zusammen, aber posaune ich bei jedem „Ich liebe dich“ an meinen Partner gleich heraus: „Mach dich nackig, ich will dich jetzt und hier“? Dass Homosexuellen keinerlei Gefühle sondern scheinbar nur ‚unkontrollierte Geilheit‘ zugesprochen werden, ist völlig realitätsfern und sollte eigentlich keinerlei Diskussion bedürfen.Wie zynisch wirkt es bitte, wenn Mattusek schreibt: „Warum wird eigentlich der Sadomasochismus im Lehrplan der baden-württembergischen Kindererziehung übergangen?“ Sadomasochismus als „Liebesform“ zu bezeichnen, ist doch recht unsinnig. Es ist eine Sexpraktik und Sexpraktiken gehören – wie bereits erwähnt – NICHT zum Bildungsplan.

Richtig wütend werde ich dann, wenn ich lesen muss, dass es eine Tatsache sei, dass die schwule Liebe selbstverständlich eine defizitäre sei, weil sie ohne Kinder bliebe. Achso, vielen Dank für die Aufklärung, Herr Mattusek! Meine Beziehung und meine Liebe zu meinem Partner blieb bisher auch ohne Kinder. Ist meine Liebe nun auch defizitär? Ich verspüre keinen Wunsch nach Kindern, bin ich nun eine defizitäre Frau, ein defizitärer Mensch? Und wenn sich das in ein paar Jahren ändern sollte, ich mir plötzlich Kinder wünsche und irgendwann feststellen muss, dass ich keine bekommen kann? Was bin ich dann? Was ist die Liebe zu meinem Partner? Diese Äußerung ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht aller gleichgeschlechtlich Liebender, sondern auch einer in das Gesicht aller kinderlos lebenden Paare – ob freiwillig oder nicht.

Und was bitte soll der Ausspruch: „Mittlerweile hat Homophobie dem Antisemitismus als schlimmste ideologische Sünde den Rang streitig gemacht“? Ich habe selten einen dümmeren und zynischeren Kommentar gelesen – mal abgesehen davon, dass im Holocaust auch Homosexuelle verfolgt und ermordet wurden.

Ich will niemanden bekehren oder angreifen – wie es im Übrigen in dieser Diskussion oft geschehen ist. Wo zuletzt auf Frau Maischberger (hier geht’s zur Sendung) und ihre Diskussionsführung eingedroschen wurde, weil sie ja nicht „sachlich und neutral“ war. Entschuldigung, aber ich habe die Sendung gesehen. Und wenn ich Frau Maischberger wäre, hätte ich noch viel deutlichere Worte gefunden zu einer Frau Kelle, die sich mit den Begriffen „Toleranz“ versus „Toleranz“ die deutsche Sprache nach ihrem Gusto zurechtwurschtelte und Passagen völlig aus dem Kontext gerissen aus dem GEW-Papier Lesbische und schwule Lebenweisen – ein Thema für die Schule zitiert – und dieses auch noch völlig falsch interpretiert.

Wer nun meint, mit der religiösen Keule kommen zu müssen und herausposaunt, dass Gott den Menschen ja als Mann und Frau geschaffen hätte und ihnen den Auftrag „Seid fruchtbar und mehret euch!“ (1. Mose 1, 28) gegeben hätte, dem sei das Bild des gütigen Jesu vor Augen gehalten, der nie jemanden verurteilt oder abgewiesen hätte. Ich bin weder gläubig noch habe ich etwas gegen Religion. Ich war auf einer katholischen Mädchenschule und habe Religionswissenschaft studiert. Die Religion als Grund für irgendetwas heranzuziehen, um damit Kriege, Hetzjadgen oder Hass auf eine bestimmte Menschengruppe zu rechtfertigen, widerspricht jeglicher Grundlage einer Religion. Mit einer Religion, die Nächstenliebe und Toleranz predigt, lässt sich nichts dergleichen rechtfertigen. Dann ist sie lediglich ein pervertiertes Bild ihrer selbst.

So, ich habe mir nun den Frust und die Enttäuschung über viele angeblich gebildete Mitglieder dieser Gesellschaft von der Seele geschrieben und fühle mich besser. Ich kann und will niemandem meine Weltansichten aufdrücken. Wenn aber eine Debatte mit so zahlreichen unsinnigen Argumenten geführt wird, fühle ich mich dazu berufen, auch einmal den Mund aufzumachen und solche Ungerechtigkeiten und Halbwahrheiten nicht einfach stehen zu lassen.

Und ein Wort noch an alle, die meinen, sich gegen Andersliebende, Andersartige, Anderslebende aussprechen zu müssen: Wie wäre es, wenn ihr erstmal vor eurer eignen Tür kehrt und euch um euren Kram kümmert? Und dann könnt ihr eure kreativen Energien, die ihr ja so wunderbar homophob unter Beweis gestellt habt, in Dinge leiten, die für mehr Respekt, Toleranz UND Akzeptanz in der Gesellschaft sorgen. Erschafft etwas – und zerstört nicht!

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7 Kommentare

Verfasst von - Februar 14, 2014 in Begegnungen

 

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7 Antworten zu “Ich bin wohl sauer. Und das ist auch gut so.

  1. Jarg

    Februar 14, 2014 at 10:31 pm

    Ach ja, der Mattussek und sein unbremsbares Sendungsbewusstsein. Hat er ja auch in Religionsdingen auf unerträgliche Weise.
    Es bleibt dann allerdings der alte Verdacht an ihm kleben: „Die schärfsten Kritiker der Welche sind am Ende selber welche“. Vielleicht sollte Herr Mattussek mal zu seinen tief verborgenen schwulen Seiten stehen … dann wäre er entspannter und muesste nicht so ewig gestrig geifern!

     
    • Nina C. Hasse

      Februar 15, 2014 at 10:32 am

      Danke für deinen Kommentar, Jarg! Ob Mattusek nun schwule Seiten hat, weiß ich nicht 😉 Und mir ist es auch völlig egal. Soll er tun und lassen, was er will, aber nicht zigtausende Menschen verurteilen. Es geht doch niemanden etwas an, mit wem ich Haus und Bett teile. Dass die Kirche sich in diese Bereiche gerne einmischt, ist ja bekannt. Aber wenn sich nun noch unsere angebliche Bildungselite dazu berufen fühlt, einer Liebe zwischen zwei Menschen eine Wertigkeit verleiht und so eine n hanebüchenen Quatsch schreibt, finde ich das ziemlich bedenklich.
      Liebe Grüße
      Nina

       
      • Jarg

        Februar 15, 2014 at 10:36 am

        Du hast absolut recht, Nina, und mich macht so etwas auch immer wieder wütend. Aber den Mann wird man wohl leider nicht mehr ändern und ignoriert ihn am besten (was die Medien leider nicht machen). Das löst sich wohl nur biologisch … 😉
        Liebe Grüsse von
        Jarg

         
      • Nina C. Hasse

        Februar 15, 2014 at 11:05 am

        Absolut richtig, Jarg! Normalerweise mache ich das auch und gieße nicht noch Benzin ins Feuer. Nur wird diese (völlig überflüssige) Diskussion mit so vielen Falschinformationen geführt, dass ich nicht anders konnte, als meinen Senf dazu zu geben 😉 Dass ich mit ein paar netten Worten niemanden überzeuge, von seiner Einstellung abzurücken, ist mir nur allzu bewusst. Aber schweigen war – ausnahmsweise mal – keine Option für mich 😉

         
      • Jarg

        Februar 15, 2014 at 11:09 am

        Kann ich gut verstehen … 😉

         
      • Nina C. Hasse

        Februar 15, 2014 at 11:19 am

        Danke dir! 😀

         

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